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Die Türkei in der zeitgenössischen Kunst

Das niedergebrannte Haus im Istanbuler Stadtteil Tarlabasi hat sie bewegt. «Feuer ist so schnell, dass man keine Zeit hat, es zu stoppen oder emotional zu reagieren», sagt Sibel Horada.

Ihre Erfahrung mit dem Feuer verarbeitete die türkische Künstlerin in einem Kunstwerk: Sie errichtete eine Skulptur aus verbrannten Holzboxen und entwickelte mit Fotografien, Tonaufnahmen und Texten eine eigene Chronologie des Feuers. Horadas Werk deutet aber auch die zahlreichen Umbrüche und die Gentrifizierung in Istanbul an. «Die Stadt verändert sich zu schnell - manchmal ist es, als würde dir der Boden unter den Füßen weggezogen werden.»

Horadas Installation ist Teil der Ausstellung «Zeichen, gefangen im Wunder - Auf der Suche nach Istanbul heute» im Kunstverein Hannover, die an diesem Freitag eröffnet wird. Die Arbeiten 23 internationaler Künstler greifen kulturelle, gesellschaftliche und alltägliche Aspekte aus der Bosporus-Metropole und der Türkei auf. «Wir versuchen nicht, ein Bild zu vermitteln, sondern verschiedene Perspektiven auf das Land zu verbinden», erklärt Kunstverein-Direktor René Zechlin. «Denn im Allgemeinen wissen wir doch relativ wenig über die Türkei.» Fotografien, Filme, Installationen und Gemälde von insgesamt 23 internationalen Künstlern seien nicht nur Beispiele für türkische Kunst, sondern auch für Kunst über die Türkei. Die Ausstellung aus dem Wiener Museum für angewandte Kunst wurde vom Kunstverein adaptiert.

Mit Tradition und Ritual setzt sich beispielsweise der deutsche Künstler Marcel Odenbach auseinander. Er dokumentiert in seinem Film «Männergeschichten 1» auf zwei Leinwänden den Besuch beim Barbier und verarbeitet auf diese Weise einen typischen Ort der sozialen Interaktion. Lukas Duwenhögger stellt in seinem Gemälde homoerotische Exzentrik dar, die Künstlerin Canan wiederum thematisiert in ihrer Videoanimation im Stil des türkischen Schattentheaters das traditionelle und patriarchalisch geprägte Beziehungsgeflecht zwischen Männern und Frauen.

Vor dem Hintergrund der Syrien-Krise gewinnt das Selbstporträt von Murat Gök an Aktualität: Der Künstler liegt in einer Hängematte - sie bildet Teil des Sicherheitszauns der türkisch-syrischen Grenze. 2010 habe das Bild noch für eine gewisse Entspanntheit stehen können - humorvoll habe der Künstler verarbeitet, dass die Grenzgebiete in der internationalen Betrachtung der Türkei nicht auftauchten, erklärt Ute Stuffer vom Kunstverein. Für den Betrachter stehe das Bild nun für eine Region, die zum Pulverfass geworden sei.