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Edathy: «Ich führe ein Leben im Ausnahmezustand»

Edathy: «Ich führe ein Leben im Ausnahmezustand»
Edathy: «Ich führe ein Leben im Ausnahmezustand»
Maurizio Gambarini

 Sebastian Edathy ist tief gestürzt. Und er schlägt um sich. Zehn Monate nach Bekanntwerden der Kinderpornografie-Affäre äußert er sich erstmals vor der Öffentlichkeit zu den Vorwürfen.

Seine Schläge gelten dem heutigen SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann, von dem Edathy offensichtlich menschlich tief enttäuscht ist. Und er stellt den früheren BKA-Präsidenten Jörg Ziercke als einen Beamten dar, der die Grenzen zwischen Amt und Politik nicht respektiert. 

Doch der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete ist noch immer ein Polit-Profi und als solcher auch ein erfahrener Selbstdarsteller. Vor seiner Zeugenaussage vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages präsentiert er sich als Opfer, aber auch als reuiger Sünder. «Den Politiker Edathy gibt es nicht mehr», sagt der 45-Jährige nicht ohne Pathos. Die Auseinandersetzung mit dem Strafverfahren sei sehr belastend. Edathy soll sich ab Februar wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material vor Gericht verantworten.

Edathy berichtet von Anfeindungen und von der «Androhung psychischer Gewalt», was ihn dazu bewogen habe, Deutschland zu verlassen. Doch er entschuldigt sich auch. Und er räumt ein, die Bestellung von Filmen mit nackten Kindern seien «moralisch nicht in Ordnung» gewesen. «Es war sicherlich falsch, diese Filme zu bestellen, das will ich gerne einräumen. Aber es war legal.»

Nervös wirkt der 45-Jährige nur, als er gefragt wird, ob er sich denn keine Gedanken darüber gemacht habe, wie diese Filme mit Minderjährigen hergestellt werden. Seine Augenlider flattern. Er wirkt betroffen, senkt den Blick.

Die SPD-Spitze kann nach seinem Auftritt vor der Presse erst einmal aufatmen. Denn neben Michael Hartmann, den er der Lüge bezichtigt hat - Hartmann bestreitet, dass er den ehemaligen Parteifreund schon 2013 vor den Ermittlungen gewarnt habe - attackiert Edathy jetzt vor allem den gerade pensionierten Präsidenten des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke. Der BKA-Chef sei es gewesen, der Hartmann unaufgefordert Informationen über die Ermittlungen gegen ihn habe zukommen lassen, sagt Edathy.

Wenn das wirklich so gewesen sein sollte - Ziercke hat im Innenausschuss davon nichts erwähnt - dann wäre das sicher eine Verletzung des Dienstgeheimnisses. Denn Hartmann und Edathy arbeiteten damals eng zusammen - und das wusste Ziercke nur zu gut. Es bestand also das Risiko, dass Hartmann möglicherweise Edathy warnen und damit die Vernichtung von Beweismitteln riskieren würde. Edathy sagt, Hartmann habe ihm damals gesagt, Ziercke habe wohl gewollt, dass er, Edathy, von den Ermittlungen erfahre. Zierckes Motiv sei gewesen, Schaden von der SPD abwenden zu wollen.

Der heutige SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann sieht zwar durch die Brille Edathys betrachtet auch nicht sonderlich gut aus. Nach seiner Darstellung soll Oppermann früh gewusst haben, dass Hartmann und Edathy miteinander über den Kinderporno-Verdacht sprachen. Oppermann habe dann später seinen Büroleiter angewiesen, Hartmann zu sagen, er solle doch Edathy dazu bringen, sein Mandat niederzulegen.

Den Verdacht, Oppermann selbst habe direkt oder auf Umwegen unerlaubt Informationen über laufende Ermittlungen an Edathy weitergegeben, weist er jedoch zurück: «Ich will sehr deutlich sagen, ich bin nicht informiert worden.» Edathy betont, er habe «Schaden abzuwenden wollen vom Parlament und auch von meiner Fraktion». Ihm gehe es nicht darum, Rache zu üben an alten SPD-Freunden. «Ich will auch nicht aufrechnen.»

Fragen zu seinem aktuellen Wohnort oder zu seinen sexuellen Präferenzen lehnt Edathy ebenso brüsk ab wie die Frage, wie viel ihm der «Stern» wohl für seine Informationen zur «Affäre Edathy» bezahlt habe. Er sagt: «Vielleicht wird es irgendwann möglich sein, auch in Deutschland sicher zu leben.» Im Moment führe er ein Leben im Ausnahmezustand. Man merkt, das Ende seiner Karriere quält ihn mindestens genauso der vorübergehende Verlust seiner Heimat. «Das ist mein letzter großer Auftritt hier in Berlin», sagt er.