MERKEL IN JAPAN

Ein Besuch zwischen Tennō und digitaler Zukunft

Es ist der protokollarische Höhepunkt des Japan-Besuchs von Angela Merkel – und doch ein Empfang ohne Pomp und Glamour.
dpa
Ein Besuch zwischen Tennō und digitaler Zukunft
Ein Besuch zwischen Tennō und digitaler Zukunft Kay Nietfeld
Tokio.

Als der greise japanische Kaiser Akihito die Kanzlerin zum Gespräch empfängt, tut er dies im Shohiroma, dem Kleinen Audienzraum seiner Residenz im streng abgeriegelten Park des kaiserlichen Palastes von Tokio. Die Kanzlerin ist im blauen Blazer mit schwarzer Hose erschienen, der Kaiser im elegant-schlichten schwarzen Anzug.

Schon bei der Begrüßung wirken der kurz vor seiner Abdankung stehende 85-Jährige und die in ihrer letzten Amtszeit regierende deutsche Regierungschefin einander zugewandt. Die Kanzlerin verneigt sich leicht, der Kaiser reicht ihr die Hand – eine Geste des Respekts. Zuvor hatte Großzeremonienmeister Yoshitaka Akimoto Merkel in Empfang genommen und ihr den Ablauf der Audienz erläutert.

Der Shohiroma ist ein kleiner Raum, das Ambiente strahlt Ruhe aus. Traditionelle Papierwände, helles Holz, heller Teppich. Merkel und der Tennō sitzen in Holzsesseln, plaudern entspannt. Im Hintergrund ist ein Strauß lachsfarbener Rosen zu sehen. Nach dem Austausch formeller Grüße geht es weniger steif zu. Fotos zeigen, wie Merkel gestikuliert – die Inhalte des Gesprächs bleiben zunächst unbekannt.

Es war schon das dritte Treffen der Kanzlerin mit dem Tennō. Er spielt eine wichtige integrative Rolle im Staatswesen, ist aber kein Akteur der Tagespolitik. Am 30. April wird Akihito abdanken – es ist das erste Mal seit rund 200 Jahren in Japan, dass ein Kaiser zu Lebzeiten seinem Nachfolger den Thron überlässt. Akihito geht diesen Schritt aus Gesundheitsgründen. Am 1. Mai wird sein 58 Jahre alter Sohn Naruhito den Thron besteigen – die Kanzlerin wird später am Tag auch ihn treffen.

Nach dem Gespräch mit Akihito fährt Merkel zur Diskussion mit Studenten der Keiō-Universität, es ist eine der bedeutendsten Elite-Hochschulen des Landes. Vom Publikum fordert die Kanzlerin „Fragen über die Politik, das Leben und die Welt, keine Scheu”. Als der erste Student in geschliffenem Deutsch zu Wort kommt, will die Kanzlerin mehr über ihn wissen. Er ist Austauschstudent aus Köln. „Gut, dass Sie mal 'ne deutsche Bundeskanzlerin treffen, dass Sie bis Tokio fahren”, entgegnet sie dem jungen Mann.

Freihandel, Verhältnis zu China, Künstliche Intelligenz: Das sind auch an der Universität die Themen, über die Merkel spricht. Deutschland und Japan würden sich angesichts der Bedrohung des freien Welthandels gemeinsam für eine Reform der Welthandelsorganisation (WTO) einsetzen, sagt die Kanzlerin. Dies werde auch ein starker Akzent der laufenden japanischen G20-Präsidentschaft sein.

Die Bundesregierung verfolge intensiv den Handelsstreit zwischen den USA und China, sagt Merkel. Ein Konsumeinbruch in China als Folge des Handelskonflikts mit den USA sei in Deutschland und Japan sofort spürbar, da die Wirtschaften eng verflochten seien. Deshalb setzten sich Japan und Deutschland für eine multilaterale Handelsordnung ein. China solle mit seinem wachsenden globalen Anspruch mehr Verantwortung in der Welt übernehmen, fordert die Kanzlerin. Das Land werde „mehr hineinwachsen müssen in die Verantwortung für eine friedliche Weltordnung.”

In der Debatte um den chinesischen Telekom-Riesen Huawei und dessen Beteiligung am Aufbau der etwa für das autonome Fahren notwendigen 5G-Mobilfunktechnik in Deutschland kündigt die Kanzlerin an, man müsse mit China darüber sprechen, „dass eben nicht die Firma einfach die Daten an den Staat abgibt, die verwendet werden, sondern dass man da Sicherheiten bekommt”. Der chinesische Staat solle nicht auf Daten aller chinesischer Produkte zugreifen können, die in Deutschland eingesetzt würden. Es müssten mit China Wege gefunden werden, dass mit geistigem Eigentum „sorgsam und fair” umgegangen werde.

Mahnende Worte findet Merkel gegen den unkontrollierten Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI). Man müsse die KI entmystifizien und ein nüchternes Verhältnis zu deren Einsatz haben. „Was wir tun, muss dem Menschen dienen” – und der Mensch müsse die Oberhand behalten.

Das Allerwichtigste sei es, ethische Leitplanken für die KI-Nutzung festzulegen, fordert Merkel. Dabei werde auch darüber gesprochen werden müssen, wie lange man noch eine menschliche Persönlichkeit sei. „Wenn ich aber einen Chip in mein Gehirn bekomme, damit ich schneller denken kann oder besser denken kann – bin ich dann auch noch derselbe Mensch? Wo endet mein Menschsein”, fragt die Kanzlerin fast philosophisch. „Man wird eines Tages sicherlich unser Denken lesen können”, prophezeit sie. Aber: „Wollen wir das?” Zum Abschluss ihres Besuchs wollte Merkel noch ein High-Tech-Labor besuchen – es entwickelt die Digital-Anwendungen der Zukunft.

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