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Ein urzeitlicher «Ring» am Hamburger Thalia Theater

Ein urzeitlicher «Ring» am Hamburger Thalia Theater
Ein urzeitlicher «Ring» am Hamburger Thalia Theater
Markus Scholz

Strähnige lange Haare, nackte Oberkörper, auf den Lippen unartikulierte Laute: Es sind urzeitliche, wüste Männer und Frauen, die hier im unheimlichen, vom Gestirn nur fahl beleuchteten Wald hausen.

Sie alle gieren nach dem glänzenden, gleißenden Gold aus dem Schoß der Erde, neiden einander dessen Besitz und werfen dafür schon mal jemanden ins Feuer. Jahrtausende später - im Hamburger Thalia-Theater ist das eine gute halbe Stunde - erklingt der erste grammatikalisch korrekte Satz: «Wir sterben lieblos». Der Angst machende Gedanke, der alle umtreibt, durchzieht wie ein Leitmotiv den erste Teil des «Ring»-Projekts des jungen Starregisseurs Antú Romero Nunes - sehr frei nach Richard Wagner.

Bei der Uraufführung am Samstagabend ließ sich das Publikum von der energievoll-drastischen dreistündigen Aufführung mit wenig Musik und viel Botschaft spürbar in den Bann ziehen. Es gab großen Beifall. Wo der spätromantische Komponist im 19. Jahrhundert ein Gesamtkunstwerk mit Riesenorchester, Solisten und Chören geschaffen hat, setzt der 31-jährige Nunes selbstbewusst allein auf die gesellschaftskritischen Grundideen des vierteiligen Zyklus «Der Ring des Nibelungen». Die isländischen Sagen «Edda» und «Völsunga» aus dem 13. Jahrhundert haben ihn dabei inspiriert, auch das Märchen «Schneewittchen und die sieben Zwerge» und Alltagsjargon («Tschüss – habt einen schönen Abend!»). Elektronische Wagner-Klänge ohne Gesang in der Interpretation Johannes Hofmanns setzen Akzente.

Beim ersten Abend widmet sich Nunes mit neun Darstellern «Rheingold/Walküre», im Januar sollen «Siegfried/ Götterdämmerung» folgen. Auf fast kahler Bühne (Ausstattung: Matthias Koch) verkörpern mythologische Götter und Halbgötter in immerwährendem Hass und Kampf eine Welt, die aus der Ordnung gefallen ist. Erst der gewaltsame Untergang dieser kapitalorientierten Welt, so heißt es bei Wagner, macht den Weg frei für menschliches Leben in Liebe und Freiheit. Zwerg Alberich (André Szymanski) schwört der Minne ab, um an das Gold zu gelangen. Wotan (Alexander Simon) schmiedet daraus den Ring maßloser Macht, lässt zur Festigung seiner Herrschaft vom Riesen Fafner (Thomas Niehaus) die Burg Walhall erbauen und zahlt ihm keinen Lohn.

Der Göttervater ist aber auch durch Verträge an die Menschen verbunden – somit auch ein Knecht. «Ein Tand ist’s», verkündet der durch den Raum schreitende listige Halbgott Loge (Peter Jordan) – um später zu raunen: «Ich werde die Welt im Feuer verbrennen.» Vergeblich gemahnt Wotans Frau Fricka (Bärbel Schwarz) den Göttervater an Ehe und Sitte: «Um der Macht und Herrschaft willen verspielst du Liebe und Weibeswert.» Mit viel Stabreim («Wie in den Gliedern brünstige Glut mir glüht», geifert Alberich), Getümmel und Bühnennebel gestaltet Nunes vor allem den ersten Teil des Abends. Im zweiten, «Walküre», kommen mit der Inzestliebe zwischen dem von Wotan gezeugten Geschwisterpaar Siegmund (Daniel Lommatzsch) und Sieglinde (Lisa Hagmeister) auch innige Szenen ins böse Spiel.

Nunes, 1983 in Tübingen geboren und 2010 zum «Nachwuchsregisseur des Jahres» gewählt, ist Shootingstar der Theaterszene. In seiner Arbeit kreist er immer wieder um das Scheitern von Idealen. Der Absolvent der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch wirkt als neuer Hausregisseur am Thalia-Theater. Dort hatte er etwa bereits die Spielzeit 2011/12 mit einer unterhaltsam-hoffnungslosen Version von Tankred Dorsts Sagendrama «Merlin oder das wüste Land» eröffnet. Und vor knapp zwei Jahren bei «Don Giovanni» nach Mozart das Publikum zur Mitmach-Party auf die Bühne geladen.