BILANZBETRUG

Ex-Wirecard-Chef Braun zieht Haftbeschwerde zurück

Seit knapp fünf Monaten sitzt ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun hinter Gittern. Nun verzichtet der österreichische Manager auf die Möglichkeit einer Entlassung vor Weihnachten.
dpa
Markus Braun
München ·

Der frühere Wirecard-Vorstandschef Markus Braun wird auch den Jahreswechsel im Gefängnis verbringen.

„Die beim Landgericht München I anhängige Haftbeschwerde wurde im Hinblick auf die laufenden und noch nicht abgeschlossenen Vernehmungen von Herrn Dr. Braun vorerst zurückgenommen, zumal Ende Januar 2021 auch die gesetzliche Haftprüfung durch das Oberlandesgericht München stattfindet”, erklärten am Freitag die Anwälte des seit fünf Monaten in Untersuchungshaft sitzenden Managers. „Die Staatsanwaltschaft München I haben wir vorab über die Rücknahme informiert.”

Es war bereits Brauns zweite Haftbeschwerde im mutmaßlich größten Fall von Bilanzbetrug in Deutschland seit 1945: Nach einer vorübergehenden ersten Festnahme Ende Juni war Braun Ende Juli in Untersuchungshaft genommen worden. Im September hatte die Münchner Staatsanwaltschaft die erste Haftbeschwerde der Anwälte unterlaufen, indem sie einen neuen, erweiterten Haftbefehl präsentierte. Auf dessen Grundlage sitzt Braun seither hinter Gittern.

Kurz danach hatten seine Anwälte die zweite Haftbeschwerde eingereicht, die nun zurückgenommen wurde. Ende Januar wird dann die gesetzliche Sechs-Monats-Frist für die Untersuchungshaft erreicht sein, auf die sich Brauns Anwälte beziehen.

Die Staatsanwaltschaft sieht in Braun einen Hauptverantwortlichen für „gewerbsmäßigen Bandenbetrug”, bei dem die Wirecard-Chefetage über Jahre Scheingeschäfte in Milliardenhöhe verbucht haben soll, um das Unternehmen über Wasser zu halten und Kredite zu erschwindeln.

Auf diese Weise sollen Braun und Komplizen kreditgebende Banken und Investoren um bis zu 3,2 Milliarden Euro geprellt haben, die nun höchstwahrscheinlich verloren sind. Im Insolvenzverfahren geht es um noch viel mehr Geld: Banken, Investoren, Wirecard-Geschäftspartner und Lieferanten haben mittlerweile Forderungen in zweistelliger Milliardenhöhe angemeldet.

Unter anderem die Wirtschaftsprüfer von EY und die Finanzaufsicht Bafin stehen in der Kritik, weil der Betrug nicht früher aufflog. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestags will auch herausfinden, ob man im Kanzleramt ahnte, dass es bei Wirecard nicht mit rechten Dingen zuging.

Neben Braun sitzen noch zwei weitere ehemalige Wirecard-Manager in Untersuchungshaft. Die umfangreichen Vernehmungen des früheren Vorstandschefs haben Anfang vergangener Woche begonnen. Zum Inhalt der Vernehmungen äußerte sich Anwalt Alfred Dierlamm auf Nachfrage nicht, auch die Münchner Staatsanwaltschaft sagt zu laufenden Ermittlungen nichts.

Der mutmaßliche Bilanzschwindel hatte Wirecard 2018 zum Aufstieg in den Dax verholfen. Braun wurde zwischenzeitlich Milliardär, bevor der Absturz der Wirecard-Aktie nach der Aufdeckung des Skandals auch sein Vermögen dahinschmelzen ließ. Zumindest soweit bekannt, hat der frühere Konzernchef im Gegensatz zum flüchtigen Ex-Vertriebsvorstand Jan Marsalek weder versucht, sein Vermögen auf die Seite zu bringen, noch sich abzusetzen.

© dpa-infocom, dpa:201218-99-740722/2

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