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Fan-Gewalt bei EM - Russland und England droht Ausschluss

Fan-Gewalt bei EM - Russland und England droht Ausschluss
Fan-Gewalt bei EM - Russland und England droht Ausschluss
Oliver Weiken

Nach den brutalen Jagdszenen von Marseille und Nizza hat die UEFA mit großer Schärfe reagiert und England und Russland einen historischen Turnierausschluss angedroht.

Sollte sich die Fangewalt vom Wochenende wiederholen, müssen beide Mannschaften mit der sofortigen Heimreise von der EM in Frankreich rechnen, teilt die Europäische Fußball-Union nach einer Krisensitzung ihres Exekutivkomitees mit. Man werde «nicht zögern» weitere Sanktionen gegen die Verbände zu verhängen, «inklusive der möglichen Disqualifikation der betreffenden Teams vom Turnier, sollte sich die Gewalt wiederholen», hieß es in einem UEFA-Statement.

Die Randale in den südfranzösischen Metropolen hatte den Auftakt der Fußball-EM überschattet und neue große Sorgen um die Sicherheit bei dem Mammut-Turnier in Frankreich ausgelöst. Mit Entsetzen und Abscheu reagierten Politiker und die Turnier-Verantwortlichen auf die Ereignisse um vornehmlich russische und englische Fans am Samstagabend mit mindestens 44 Verletzten und zahlreichen Festnahmen, die sogar die große Terrorangst zum EM-Startwochenende in den Hintergrund drängten.

Bei der mehrstündigen Sondersitzung des Exekutivkomitees soll es nach dpa-Informationen zu emotionalen Vorträgen mehrerer Mitglieder gekommen sein. «Viele haben die Schnauze richtig voll von diesen Dingen», berichtete ein Sitzungsteilnehmer. Erste Sondermaßnahmen beschloss das Gremium um das deutsche Mitglied Wolfgang Niersbach mit mehr Sicherheitskräften in den Stadien schon für die Partien am Sonntag - darunter auch für das deutsche Auftaktspiel am Abend gegen die Ukraine in Lille.

Zuvor hatte bereits die Disziplinarkommission ein Verfahren gegen den russischen Verband wegen der Krawalle im Stade Vélodrome eröffnet. Das Gremium um den deutschen Richter Hans Lorenz ermittelt wegen Fanausschreitung, dem Abbrennen von Feuerwerkskörpern und rassistischen Ausfällen. Bis zum Dienstag soll das Urteil stehen - und damit noch vor dem zweiten Spiel der Russen am Mittwoch in Lille gegen die Slowakei.

«Die UEFA drückt ihre große Abscheu für die gewaltsamen Auseinandersetzungen aus, zu denen es im Stadtzentrum von Marseille gekommen ist, und seine ernsthafte Besorgnis über die Vorfälle am Ende des Spiels innerhalb des Stade Vélodrome», hieß es am Sonntag vom Kontinentalverband. «Diese Art von Verhalten ist völlig inakzeptabel und hat keinen Platz im Fußball.»

Doch auch der englische Verband bekam noch am Sonntag Post von der UEFA. Laut Statuten kann das Exekutivkomitee Warnungen aussprechen, die dann bis zu einem Turnierausschluss führen können, wenn sich Vorfälle auch außerhalb der Stadien wiederholen. Diese Drohkulisse hatte die UEFA im Jahr 2000 gegen England nach Krawallen im belgischen Charleroi aufgebaut. Die Disziplinarregeln sehen sonst nur Strafen für Fehlverhalten in und direkt um das Stadion vor.

Russland war wegen Fanvergehen ähnlicher Art bei der EM 2012 mit Geldstrafen und einer Androhung von Punktabzug belegt worden. Bei ihrer Urteilsfindung schauen die UEFA-Richter auch auf das Verhalten innerhalb der vergangenen fünf Jahre.

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve verurteilte das Geschehen als «unverantwortliches und mutwilliges Verhalten von Pseudo-Fans». Doch auch am rigorosen Verhalten der Sicherheitskräfte gab es Kritik. Der russische Sportminister und FIFA-Funktionär Witali Mutko bemängelte sogar öffentlich die schlechte Organisation im Stadion.

Die Polizeipräfektur in Marseille, wo ein Brite lebensgefährlich verletzt wurde, vermeldete insgesamt 35 Verletzte und zehn Festnahmen. Diese Zahlen scheinen angesichts der Bilder von wilden Prügelszenen und Tränengaseinsatz der Polizei noch sehr gering.

Aus Nizza meldeten die Behörden am Vorabend der Partie Nordirland gegen Polen Fan-Krawalle, die von 20 bis 30 einheimischen Ultras provoziert worden seien. Die Bilanz dort: Neun Personen mussten ins Krankenhaus, drei weitere wurden festgenommen.

Der Imageschaden für die EM ist immens. Zumal weitere Krawalle zu befürchten sind. Am Mittwoch und Donnerstag spielen Russen und Engländer in Lille beziehungsweise Lens ihre nächsten Gruppenspiele in zwei EM-Nachbarorten. Auch die deutsche Partie gegen Polen am Donnerstag in Saint-Denis gilt als Risiko-Spiel. Die Warnung der UEFA ist auch als Signal an andere Verbände zu verstehen. Zu den bislang Festgenommenen gehören auch ein Deutscher und ein Österreicher.

In Marseille war es den dritten Tag in Serie zu Gewaltszenen in der Stadt gekommen. Im Stadion eskalierte die Situation kurz vor dem Abpfiff: Augenscheinlich russische Anhänger gingen auf englische Fans los, die in benachbarten Blöcken saßen, und prügelten wild auf diese ein. Dabei flüchteten die Attackierten über Zäune in den Innenraum.

Die UEFA räumte nun die unzureichende Trennung der Fangruppen ein. Besonders hier sollen die Vorkehrungen mit mehr und intelligenter eingesetzten Stewards verbessert werden. Die Polizei soll aber weiter nur nicht sichtbar in den Arenen bereitstehen. Zu einem möglichen Einsatz von Soldaten äußerte sich die UEFA nicht.

Die schlechte Trennung der Fans bemängelte auch FIFA-Topfunktionär Mutko: «Man muss solche Spiele gut organisieren und die Fans (im Stadion) trennen», sagte er. An der UEFA-Sondersitzung nahm Mutko wie der britische Vertreter David Gill aber nicht teil, obwohl er als FIFA-Council-Mitglied dazu berechtigt gewesen wäre.

Russland steht als WM-Gastgeber 2018 besonders im Fokus. Bislang hatten die Funktionäre Fangewalt als Problem im heimischen Fußball zurückgewiesen. «Was hat die WM 2018 damit zu tun?», fragte Mutko nun. Die FIFA betonte, dass Russland die Ereignisse in Marseille für sein Sicherheitskonzept berücksichtigen werde.

Mark Whittle, Sprecher des englischen Fußball-Verbandes (FA), appellierte in einer nach dem Spiel verlesenen Erklärung an die englischen Fans, ihre Mannschaft respektvoll zu begleiten. «Die FA ist sehr enttäuscht über die Szenen heute. Nun liegt es in den Händen der Behörden», sagte Whittle. Englische Fans hatten in Marseille bereits bei der WM 1998 für Gewalt gesorgt.

Die französischen Medien reagierten schockiert. «Die Schande», titelte die Sportzeitung «L'Équipe» am Sonntag. Sie sprach von «Guerillaszenen» in der Mittelmeerstadt. «Am zweiten Tag des Wettbewerbs steht die EM schon im Zeichen der Angst», so das Blatt.