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Gewaltexzess am Alexanderplatz: Todestag von Jonny K.

Gewaltexzess am Alexanderplatz: Todestag von Jonny K.
Gewaltexzess am Alexanderplatz: Todestag von Jonny K.
Kay Nietfeld

Ärzte konnten den jungen Berliner Jonny K. nicht mehr retten. Vor einem Jahr, am 14. Oktober 2012, starb der 20-Jährige nach einer Prügelattacke in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes an Gehirnblutungen. Bundesweit hatte der Gewaltexzess Entsetzen hervorgerufen.

«Jonny soll nicht vergessen werden», sagte seine Schwester Tina der Nachrichtenagentur dpa. Zum ersten Todestag ihres Bruders hat sie ein Gedenken organisiert.

Heute Nachmittag soll am Tatort als Mahnung eine Metalltafel in den Boden eingelassen werden. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Innensenator Frank Henkel (CDU) wollen kommen.

Das Landgericht hatte sechs Schläger wegen des Angriffs auf Jonny K. und dessen Freund verurteilt. Als Haupttäter bekam Onur U. wegen Körperverletzung mit Todesfolge eine Jugendstrafe von viereinhalb Jahren. Drei junge Erwachsene wurden zu Freiheitsstrafen von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt, zwei weitere sollen nach Jugendrecht zwei Jahre und drei Monate in Haft. Bis auf den Deutsch-Türken Onur U. sind die Verurteilten mit Auflagen auf freiem Fuß. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

«Dass die Fünf draußen rumtanzen, ist ein komisches Gefühl», sagte Tina K. Sie sei froh, dass sie ihnen noch nicht wieder begegnet sei. Sie kam zu jedem Prozess-Termin und sah den Schlägern ins Gesicht.

Die sechs jungen Männer akzeptierten die Schuldsprüche nicht. «Alle haben Revision gegen ihre Verurteilung eingelegt», sagte Gerichtssprecher Tobias Kaehne der dpa. Mit einer Entscheidung sei in diesem Jahr wohl nicht mehr zu rechnen, hieß es in Gerichtskreisen.

Senator Henkel sagte zu dem Überfall vor einem Jahr: «Wenn aus dieser dunklen Stunde überhaupt etwas Gutes erwachsen konnte, dann die Tatsache, dass sie eine dringend notwendige und breite Debatte über Werte und Gewalt ausgelöst hat.» Jetzt kämen mehr junge Menschen zu Wort, die sich für ein friedliches Miteinander einsetzen.

Das ist auch das Anliegen von Tina K. und ihres neu gegründeten Vereins I am Jonny. Sie engagiert sich seit dem Tod ihres Bruders gegen Gewalt, wirbt in Schulen für Zivilcourage und sammelt Spenden Prominenter ein. Der Verein versteht sich als Anlaufstelle für Veränderung. «Wir müssen jungen Menschen eine Perspektive geben», so die 29-Jährige. Ihr Bruder sei immer bei ihr. «Seine Zivilcourage kostete ihn das Leben.»

Laut Urteil löste der Deutsch-Türke Onur U. das tragische Geschehen aus, als Jonny K. mit Freunden nach einem Barbesuch auf dem Heimweg auf eine unbekannte Gruppe traf. Jonny wollte einen aufkeimenden Streit schlichten. Doch der trainierte Boxer Onur U. versetzte ihm einen wuchtigen Faustschlag ins Gesicht, so das Urteil.

Dies sei für die Freunde von Onur U. das Signal für die weitere Attacke gewesen, hieß es. Offen blieb aber, ob der ungebremste Sturz oder Tritte zum Tod von Jonny K. führten. Der zunächst in die Türkei geflüchtete Ex-Boxer bestritt, Jonny K. auch nur angerührt zu haben. Wuchtige Schläge gegen dessen Freund gab er aber zu. Dieser wurde schwer verletzt. Alle Männer entschuldigten sich, keiner übernahm aber Verantwortung für den Tod des schmächtigen Schülers.

Jetzt will die Polizei ihre Präsenz auf dem Alexanderplatz weiter verstärken. Neben den normalen Streifen sollen dort wochentags ab Anfang November sechs zusätzliche Polizisten unterwegs sein, sagte Sprecher Stefan Redlich. Nach dem Überfall wurde auch ein Kontaktmobil der Polizei eingesetzt.

Der gesellschaftliche Dialog zur Ächtung von Gewalt müsse aber weitergeführt werden, forderte der Berliner Opferbeauftragte Roland Weber. «Gewalt ist leider nach wie vor ein Alltagsphänomen, dem wir entgegentreten wollen und müssen», sagte der Anwalt der dpa.