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Henning Mankell: «Ich bin Realist»

Der schwedische Krimi-Autor Henning Mankell (65) ist längst ein Star, seine Bücher sind internationale Bestseller. Vor allem mit seinem Helden, dem Kommissar Kurt Wallander, begeistert Mankell sein Publikum.

Obwohl er sich eigentlich schon vor Jahren von ihm verabschiedet hat, beschert Mankell dem Kult-Kommissar in dem Buch «Mord im Herbst» nun seinen, wie er beteuert, wirklich allerletzten Auftritt. Dabei soll es auch bleiben, betont der Schriftsteller im Interview der Nachrichtenagentur dpa in München. Im Übrigen gebe es doch auch noch sehr viel Wichtigeres auf der Welt.

Frage: Sie hatten sich von Kurt Wallander doch schon längst verabschiedet. Jetzt haben Sie eine alte Geschichte über ihn veröffentlicht. Warum?

Antwort: Eigentlich wegen Wallander-Darsteller Kenneth Branagh. Er hatte die Geschichte, die ich vor 12, 15 Jahren für eine kostenlose Veröffentlichung in Holland geschrieben und vergessen hatte, entdeckt und gesagt, er wolle sie verfilmen. Daraufhin habe ich sie nochmal gelesen und fand sie ziemlich gut. Wir haben uns dann entschieden, sie herauszubringen, ohne dass sie das Ende von Wallander verändert. Sie spielt rund 15, 20 Jahre vor dem letzten Buch.

Frage: Und das ist nun wirklich das allerletzte Mal, dass Sie eine Wallander-Geschichte veröffentlichen?

Antwort: Ja! Ich hätte sie auch nicht veröffentlicht, wenn ich sie nicht schon geschrieben hätte. Eine neue schreiben werde ich nicht.

Frage: Vermissen Sie ihn denn gar nicht?

Antwort: Nein. Die Leute fragen das immer wieder. Aber ich bin es nicht, der ihn vermisst. Der Leser vermisst ihn. Das ist ja wundervoll, aber das hat mit mir nichts zu tun. Ich vermisse keinen der Charaktere, über die ich schreibe, aber ich verstehe das natürlich. Auch bei mir gibt es Figuren in der Literatur oder in der Kunst, in Bildern, zu denen ich eine Beziehung aufgebaut habe und die ich mit mir nehme in die Realität, die so etwas wie Freunde werden.

Frage: Wer sind denn für Sie solche Freunde?

Antwort: Ich erinnere mich immer noch an ein Matisse-Gemälde von einer Frau irgendwo in Paris, die mich direkt anschaute. Ich glaube, ich hoffe immer noch, sie irgendwann, irgendwo in der Realität zu treffen - nicht als Auftakt einer Liebesgeschichte oder so. Aber sie wirkte auf mich einfach so lebendig. In der Literatur ist es Marlow aus Joseph Conrads «Herz der Finsternis». Oder Goethes Faust! Wer würde nicht davon träumen, Faust zu treffen? Das wäre wundervoll.

Frage: Was würden Sie ihn fragen?

Antwort: Bereust du etwas?

Frage: Sie arbeiten an einem neuen Roman, der in Ihrer zweiten Heimat Afrika spielt. Ist es leichter, Geschichten über den Kontinent in Europa zu verkaufen, wenn sie als Kriminalroman verpackt sind?

Antwort: Nein, das glaube ich nicht. Ich habe ja viele Bücher über Afrika geschrieben, die keine Kriminalromane sind. Allerdings muss man natürlich sagen, dass die größten Geschäftszweige in der Welt Drogenhandel, Waffenhandel und Frauenhandel sind. Also müsste man eigentlich die Frage stellen, ob wir inzwischen in einer Welt leben, in der man überhaupt noch über die Realität sprechen kann, ohne dabei eine Art von Kriminalgeschichte zu erzählen. Ich glaube das eigentlich nicht, aber manchmal fragt man sich schon...

Frage: Halten Sie sich für einen Pessimisten?

Antwort: Ich bin Realist. Optimismus, Pessimismus - das ist mir scheißegal. Das hat mit der Realität nichts zu tun. Das sind nur Gefühle. Ich versuche aber, mein Hirn zu benutzen. Die Helden in meinem Leben sind die Enzyklopädisten, die Aufklärer wie Voltaire und Rousseau, die uns gelehrt haben: Nutze deinen Verstand und lerne! Daran glaube ich. Die jungen Leute heutzutage verwechseln Wissen mit dem Ansammeln von Informationen. Das ist es aber nicht! Wissen ist die Fähigkeit, mit Informationen kritisch umzugehen.

Frage: Sie schreiben unglaublich viel. Erzählen Sie uns noch etwas mehr über Ihre derzeitigen Projekte?

Antwort: Ich rede nie über die Dinge, an denen ich arbeite. Man zerredet sie dann nur. Aber so viel kann ich sagen: Ich habe etwas geschrieben, das «Zeit ohne Erinnerung» heißt und das auf einem simplen Fakt beruht: Früher oder später kehrt die Eiszeit zurück. Alles, was wir heute kennen, wird unter einer kilometerdicken Eisschicht begraben sein. Und was bleibt dann von unserer Zivilisation? Rembrandt? Bach? Beethoven? Nein! Das, was von unserer Gesellschaft bleibt, ist der Atommüll. Als ich das realisiert habe, habe ich mich gefragt: Verdammt nochmal, in was für einer Zivilisation, in was für einer Welt leben wir eigentlich? Das macht mir Angst. Darüber habe ich ein Buch geschrieben, das nächstes Jahr auf den Markt kommt.

Frage: 2010 wurden Sie Zeuge bei dem blutigen Einsatz der Israelis gegen die Gaza-Hilfsflotte. Wie erinnern Sie sich daran?

Antwort: Die haben versucht, mich zu töten, aber sie haben es nicht geschafft. Aber das ist inzwischen Jahre her. Erst vor wenigen Wochen war ich in Uganda, an der Grenze zum Kongo, und habe dort mit einigen Frauen gesprochen, die mir von Dingen berichtet haben, die ich kaum wiederholen kann. Es zeigt mir wieder einmal, dass es kein Limit gibt für das, was Menschen anderen Menschen antun können. Die Gewalt gegen Frauen hat inzwischen eine Ebene erreicht, die selbst mich, der schon so viel gesehen und gehört hat, für einige Tage sprachlos machte. Ich habe mich so hilflos gefühlt.

Frage: Jetzt haben Sie Ihre Sprache wiedergefunden...

Antwort: Ja. Ich versuche zu tun, was ich kann. Meiner Ansicht nach wäre unsere Welt eine bessere, wenn Frauen größeren Einfluss hätten. Frauen starten keine Kriege - von Margaret Thatcher um die Falkland-Inseln mal abgesehen. Solange Frauen in der Welt keinen größeren politischen Einfluss haben, haben wir keine Chance, die Welt zum Besseren zu verändern.