Protest für Abu Akle
Mitglieder des palästinensischen Journalistenverbandes halten während einer Demonstration Plakate mit dem Bild der in Dschenin getöteten Al-Dschasira-Reporterin Schirin Abu Akle in die Höhe. Mohammed Talatene/dpa
Westjordanland

Journalistin starb „wahrscheinlich” durch israelische Kugel

Dschenin gilt als Hochburg militanter Palästinenser. Während einer Razzia des israelischen Militärs wird dort im Mai eine bekannte TV-Reporterin getötet. Nun sind die internen Untersuchungen abgeschlossen.
dpa
Tel Aviv

Die tödlichen Schüsse auf die in der arabischen Welt prominente Journalistin Schirin Abu Akle vor fast vier Monaten sind neuen Angaben zufolge „sehr wahrscheinlich” vom israelischen Militär abgeben worden. „Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie versehentlich von Schüssen des Militärs getroffen wurde”, sagte ein hochrangiger Vertreter der Armee nach dem Abschluss interner Untersuchungen. Die Reporterin des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira sei jedoch zu keinem Zeitpunkt als Journalistin identifiziert worden, sagte er.

Schirin Abu Akle war während eines israelischen Militäreinsatzes im besetzten Westjordanland durch Schüsse getötet worden. Zuvor hatte es nach Angaben des israelischen Militärs ein heftiges Feuergefecht mit Dutzenden militanten Palästinensern während einer israelischen Razzia in der Stadt Dschenin gegeben.

Kein Verdacht auf Straftat

Eindeutig zuzuordnen sind die Schüsse laut israelischen Angaben auch nach Abschluss der Untersuchungen nicht. Strafrechtliche Ermittlungen sollen nicht eingeleitet werden – die Generalstaatsanwaltschaft des Militärs teilte mit, es gebe keinen Verdacht auf eine Straftat.

Al-Dschasira hatte Mitte Mai betont, die Reporterin habe eine Weste mit der gut lesbaren Aufschrift „Presse” getragen. Die Palästinenserin aus Ost-Jerusalem, die auch die US-Staatsbürgerschaft hatte, war schon seit mehr als 20 Jahren für den katarischen Sender im Einsatz.

Die Familie von Abu Akle reagierte bestürzt auf die Stellungnahme der Armee. Israel versuche, die Wahrheit zu verschleiern und weigere sich, die Verantwortung für den Mord an Schirin zu übernehmen. Die Hinterbliebenen forderten eine „gründliche, unabhängige und glaubwürdige” Untersuchung durch die USA. Die Schuldigen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Israel sei dazu nicht in der Lage. Ein Sprecher von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas sagte, die Palästinensische Autonomiebehörde werde die Angelegenheit weiter vor dem Internationalen Strafgerichtshof verfolgen.

Internationale Reaktionen

Der Tod der Journalistin hatte international für Bestürzung gesorgt. Der palästinensische Generalstaatsanwalt machte Israel verantwortlich und warf den Soldaten vor, die Journalistin gezielt getötet zu haben. Eine Untersuchung in den USA war bereits zuvor zum Ergebnis gekommen, dass die tödliche Kugel zwar vom israelischen Militär abgefeuert, Abu Akle jedoch nicht absichtlich erschossen worden sei.

Das US-Außenministerium teilte in Washington mit, die USA begrüßten die Überprüfung des tragischen Vorfalls durch Israel. Es sei wichtig, Vorkehrungen zu treffen, um ähnliche Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Gleichzeitig würdigte das Ministerium die Arbeit Abu Akles: Sie sei eine furchtlose Reporterin gewesen, „die sich mit ihrem Journalismus und ihrem Streben nach Wahrheit den Respekt von Zuschauern in aller Welt erworben hat”.

© dpa-infocom, dpa:220906-99-644945/2

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