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Löw im Punkte-Modus: «Polen nicht nur Lewandowski»

Löw im Punkte-Modus: «Polen nicht nur Lewandowski»
Löw im Punkte-Modus: «Polen nicht nur Lewandowski»
Fredrik Von Erichsen

Auf der ersten Auslandsreise mit seinen Weltmeistern konnte Joachim Löw gleich wieder seine Siegersonnenbrille aufsetzen. Warschau empfing den Bundestrainer und seine dezimierte Champion-Truppe nach dem Sonderflug aus dem regengrauen Frankfurt mit herrlichem Sonnenschein.

Vom Sommerrausch in Rio ist vor dem Duell in der EM-Qualifikation am Samstag gegen die von Robert Lewandowski angeführten Polen bei der Fußball-Nationalmannschaft aber wenig zu spüren. Löw hat auf den Punkte-Modus geschaltet und wirkt wieder fokussiert wie in den Tagen von Brasilien.

«Manchmal packt der Gegner noch das eine oder andere Prozent mehr drauf, wenn er gegen den amtierenden Weltmeister spielt», warnte Löw vor der emotionalen Partie vor erwarteten 58 000 Zuschauern im Nationalstadion - dem Ort der letzten Pflichtspielniederlage. Der Alltag hatte die WM-Helden wieder, als Mats Hummels und Co. in ihren himmelblauen Trainingsanzügen nach Warschau reisten - freundlich begrüßt von Uwe Seeler, der im Flieger in der ersten Reihe vor Löw Platz nahm.

Den Gegner wollte der DFB-Chefcoach nicht auf die Formel reduzieren: «Wer hat Angst vor Robert Lewandowski?» Der Bayern-Angreifer in Topform ist laut Löw «einer der drei besten Stürmer der Welt». Der Bundestrainer fügte aber an: «Polen ist nicht nur Lewandowski. Es reicht nicht, nur ihn aus dem Spiel zu nehmen. Wir haben die ganze Mannschaft auf der Rechnung, zumal sie sicher auch vom eigenen Publikum in Warschau nach vorn getrieben werden», warnte Löw.

Die Vorbereitung stand unter keinem guten Stern. Die Ausfälle von Kapitän Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Benedikt Höwedes, Marco Reus und Mario Gomez wogen schwer genug. Die aktuelle Knieblessur von Mesut Özil - der auch schon die Septemberspiele wegen Knöchelproblemen verpasst hatte - verlängerte die Pechsträhne.

Neuer will die Verletztenliste und die Veränderungen im Team aber nicht überbewerten. Klar: So ein Umbruch gehe «nicht von heute auf morgen», betonte der beste WM-Torwart. «Dennoch haben wir jetzt ein Pflichtspiel vor der Brust. Ich denke, dass wir schon eine gute Leistung abrufen können.»

Für Löw waren mit der Ankunft in Warschau die Personaldiskussionen ohnehin erledigt. «Die Jungs, die dabei sind, brennen. Für einige ist es auch eine Chance, sich festzuspielen und zu empfehlen», sagte sein neuer Assistent Thomas Schneider, der erstmals neben dem Weltmeister-Coach auf der Bank sitzen wird.

Wieder einmal muss Löw sein Team zurecht basteln. Schon die Trainingseindrücke vor dem Abschlusstraining am Freitagabend lieferten Indizien. In der neu zu formierenden Abwehr deutete einiges daraufhin, dass der mehrmals gelobte Stuttgarter Antonio Rüdiger als Rechtsverteidiger agiert. Sein linkes Pendant ist der Dortmunder Erik Durm. Die beiden Jungstars würden dann das Final-Duo Jérôme Boateng/Mats Hummels einrahmen.

Plötzlich viel gravierender sind die Umbauarbeiten im Mittelfeld, wo nach dem Özil-Ausfall und der Fitnessfrage um André Schürrle und Julian Draxler, die beide verspätet ins DFB-Training einstiegen, womöglich mehrere Positionen umbesetzt werden müssen. Profiteur der Rochaden könnte Lukas Podolski sein. Für den zuletzt im Club und DFB-Team kaum berücksichtigten Arsenal-Profi bleiben die Länderspiele gegen sein Geburtsland Polen etwas Besonderes.

Thomas Müller, der eventuell von rechts ins Zentrum rücken muss, wenn Löw Toni Kroos nicht in die offensivere Schaltzentrale zieht, sieht die Lage gelassen. «Wir sind keine Spielertypen, die auf eine Position fixiert sind. Wenn man böse sein will, sagt man, wir laufen wild durcheinander, positiv ausgedrückt, rochieren wir. Ich sehe keine Problem», sagte der Münchner.

Als moralischen Faustpfand haben die DFB-Stars, die erstmals seit dem denkwürdigen 7:1 gegen Brasilien im WM-Halbfinale wieder mit den rot-schwarz gestreiften Trikots auflaufen werden, nicht nur das Weltmeister-Selbstbewusstsein. Alle Statistiken liefern überwältigende Argumente für den erhofften Dreier. Von 18 Spielen gegen Polen ging keines verloren. In den sechs Pflichtpartien gab es sogar nur ein Remis - eine Nullnummer bei der WM 1978. Auswärts ist die Nationalmannschaft in Qualifikationspartien unter Löw noch unbesiegt. Die letzte Niederlage gab es genau vor 16 Jahren beim Trainerdebüt des glücklosen Erich Ribbeck beim 0:1 in der Türkei.

Statistiken sind nicht das Ding von Löw. So soll auch der Spielort nicht überbewertet werden. Das 1:2 im EM-Halbfinale gegen Italien - die bitterste Niederlage in der Bundestrainer-Vita von Löw - scheint nach dem WM-Rausch weniger schmerzhaft. «Bis sie mich daran erinnert haben, habe ich nicht daran gedacht», antwortete Teammanager Oliver Bierhoff auf eine Journalisten-Frage.

Sollte die aktuelle Serie von 18 Wettbewerbspartien ohne Niederlage seit jener bitteren Nacht im Nationalstadion dennoch reißen, besteht kein Grund zur Sorge. Der neue EM-Modus verzeiht Ausrutscher. Platz eins und zwei sichern das Frankreich-Ticket definitiv. «So früh wie möglich» will Löw die Qualifikation abhaken.