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Menschenleben sind den Schleuserbanden egal

Menschenleben sind den Schleuserbanden egal
Menschenleben sind den Schleuserbanden egal
Italian Navy / Handout

In Afrika hat William Swing viele Tragödien erlebt, darunter als US-Botschafter in Liberia und UN-Repräsentant im kongolesischen Bürgerkrieg.

Doch was sich im Mittelmeer abspielt nennt der Generaldirektor der Internationalen Organisation für Migration (IOM) «schlimmer als jede Tragödie, das ist ein Verbrechen». Swing verlangt von der EU nicht nur mehr Einsatz zur Rettung von Flüchtlingen, sondern auch die Bekämpfung der immer dreister vorgehenden Menschenschmuggler. «Diese Netzwerke agieren nahezu straflos, während Hunderte sterben. Die Welt muss handeln.»

Ohne entschlossene Aktionen gegen die Schlepper - darin sind sich Experten internationaler Organisationen einig - werden weder die Massenflucht noch das Sterben im Mittelmeer aufhören. Zu verlockend sind die Profite, die sich mit dem Menschenschmuggel einstreichen lassen. Zu groß erscheint auch, was professionell agierende Schmuggler als «Nachfrage» bezeichnen - die Entschlossenheit von immer mehr Menschen zur Flucht vor Krieg und Armut.

«Das sind Geschäftsleute», sagte Giampaolo Musceni, Co-Autor des in zweijähriger Recherche entstandenen Berichts «Confession of a People Smuggler» (Geständnis eines Menschenschmugglers) dem Sender BBC. «Man muss sich einen Schmuggler als jemanden vorstellen, der 24 Stunden am Tag darüber nachdenkt, wie man nach Europa durchbricht. Die lesen Nachrichten, studieren europäisches Recht und schauen, was (die europäische Agentur zum Schutz der Außengrenzen) Frontex macht.»

Zudem mehren sich Hinweise, dass Schmuggler mit radikal-islamischen Terroristen kooperieren. «Diese neuen Sklavenhändler finanzieren auch den Terrorismus», sagte Italiens Außenminister Paolo Gentiloni der Zeitung «Il Messaggero». «Ihre kriminellen Geschäfte machen bereits zehn Prozent des libyschen Bruttoinlandsproduktes aus.»

Als Geschäftsleute mögen sie sich empfinden, aber an Skrupellosigkeit und Menschenverachtung sind die Schmuggler kaum zu übertreffen. Das geht auch aus Verhören festgenommener Gangmitglieder sowie Polizei-Mitschnitten der Telefonate von Schleppern hervor. «Oh, dann sind sie nun bei Allah angekommen», rief der Schlepper Jeremias Girma (auch: Ermias Ghermay) in sein Handy, als im Oktober 2013 vor Lampedusa ein Flüchtlingsboot sank und mehr als 360 Migranten ertranken. Der lange gesuchte Äthiopier, der zu den schlimmsten «Capos» der Schlepperbanden gehören und etliche Flüchtlingstransporte organisiert haben soll, ist inzwischen mit mehr als 20 anderen mutmaßlichen Menschenschmugglern der italienischen Polizei in die Hände gefallen.

«Sie sagen, ich lasse immer zu viele Leute auf die Boote», sagt ein anderer Schmuggler, der Eritreer Mered Medhanie, am Telefon in Tripolis. Deutlich sei auf dem Mitschnitt zu hören, wie er dabei kichert, berichtete die Zeitung «La Repubblica». «Dabei sind sie es doch, die unbedingt weg wollen.»

Ermittler befürchten inzwischen, dass einige der Schmuggler gar nicht mehr die Absicht haben, die Boote tatsächlich an europäischen Küsten ankommen zu lassen. Wohl auch, weil sie fürchten, dabei festgenommen zu werden. Es gibt Berichte, wonach Tankfüllungen von Schlepperbooten gar nicht mehr für eine Überfahrt gefüllt werden. Manche Schmuggler würden die Boote nur noch zu den Öl- und Gasfeldern vor der libyschen Küste steuern und sich dann absetzen.

Dort ist der internationale Schiffsverkehr besonders dicht, und nach den Regeln des Seerechts müssen auch Handelsschiffe auf SOS-Signale reagieren und versuchen, Menschen in Seenot zu retten. Es kommt dabei vor, dass Flüchtlinge in Panik geraten und so ihr überladenes Boot zum Kentern bringen.

Wer den Weg nach Libyen auf sich nimmt, wisse meist vorher, dass die Fahrt übers Mittelmeer lebensgefährlich ist, berichtet IOM-Sprecher Flavio Di Giacomo. «Aber die Leute haben keine Ahnung, dass die Schmuggler derart gewalttätig sind.»

Im gesetzlosen Libyen, aus dem die meisten Staaten längst ihre Diplomaten abgezogen haben, sind Flüchtlinge Freiwild in der Falle. Nach wochen-, oft monatelangem Warten, werden sie zusammengetrieben für eine Überfahrt. «Zurück konnte man nicht mehr, sie haben uns Pässe und Geld abgenommen», berichtete ein Mann aus Ghana UN-Nothelfern. «Libyen ist die Hölle, du willst nur noch raus.»

«Wir sind belogen worden, das Boot war gar nicht groß», erzählt Ali aus Gambia der BBC. «Sie haben uns Gewehre vorgehalten: einsteigen oder erschossen werden.» Abdo aus Ghana beschreibt die Zwangslage der Flüchtlinge in Libyen so: «Eine tote Ziege hat keine Angst mehr vor dem Messer des Fleischers.»