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Merkel hat Vertrauen in von der Leyen - auch ohne Doktortitel

Merkel hat Vertrauen in von der Leyen - auch ohne Doktortitel
Merkel hat Vertrauen in von der Leyen - auch ohne Doktortitel
Michael Kappeler

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich unmittelbar vor der Entscheidung über den Doktortitel von Ursula von der Leyen (beide CDU) hinter ihre Verteidigungsministerin gestellt.

Auf die Frage, ob von der Leyen auch ohne den akademischen Grad noch das Vertrauen der Kanzlerin habe, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin: «Selbstverständlich. Die Ministerin ist eine hervorragende Verteidigungsministerin, was man gerade in diesen Tagen wieder beim Zustandekommen der Nato-Aktivitäten in der Ägäis gesehen hat.»

Der Senat der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wollte im Laufe des Nachmittags abschließend darüber beraten, ob von der Leyen der Doktortitel entzogen wird. Für den Abend (18.00 Uhr) war eine Pressekonferenz angekündigt. Plagiatsjäger werfen von der Leyen schwere Regelverstöße in ihrer 1990 erschienenen medizinischen Doktorarbeit vor.

Auf der Internetseite «Vroniplag Wiki» ist von Plagiatsfundstellen auf 27 von 62 Seiten der Dissertation die Rede. Von der Leyen streitet die Vorwürfe ab. Sie selbst bat ihre frühere Hochschule im August um eine Überprüfung der Arbeit.

Von der Leyen hält sich in den USA auf. In Washington wollte sie sich unter Hinweis auf das laufende Verfahren nicht zu der bevorstehenden Entscheidung äußern. Ihr Sprecher kündigte eine schriftliche Erklärung des Ministeriums nach der Entscheidung an. Am Dienstagabend hält von der Leyen eine Rede an der kalifornischen Elite-Universität Stanford, wo sie in den 90er Jahren als Gasthörerin Veranstaltungen der medizinischen Fakultät besuchte.

Unterstützung bekam sie am Dienstag auch von der niedersächsischen CDU. «Ich gehe nicht davon aus, dass Ministerin von der Leyen ihren Doktortitel verlieren wird», sagte Fraktionschef Björn Thümler der Deutschen Presse-Agentur. «Für ihr Amt als Verteidigungsministerin ist diese Frage ohnehin zweitrangig: Ursula von der Leyen ist eine ausgezeichnete Verteidigungsministerin, die in globalen Krisenzeiten die richtigen Entscheidungen trifft.»

Vor von der Leyen haben drei Spitzenpolitiker Konsequenzen aus dem Verlust des Doktortitels gezogen und sind zurückgetreten. Der erste war Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vor ziemlich genau fünf Jahren. Es gibt umgekehrt auf Bundesebene keinen Spitzenpolitiker, der nach Entzug des Doktortitels im Amt blieb.

Von der Leyen hat ihre Doktorarbeit vor 26 Jahren geschrieben. Der wichtigste Experte für saubere wissenschaftliche Arbeit in Deutschland, Professor Wolfgang Löwer (Bonn), ist dafür, nach so langer Zeit keine Sanktionen mehr gegen die Autoren zu erheben. Es gehe ihm nicht darum, verdächtige Doktorarbeiten etwa nach 15 Jahren nicht mehr zu prüfen, sondern um den gesellschaftlichen Schutz der Verfasser, sagte er der dpa.

«Nur die Sanktionsbefugnis sollte verjähren», schlägt der Sprecher des Gremiums «Ombudsman für die Wissenschaft» vor. «Man müsste dann nicht seinem gesamten wirtschaftlichen und privaten Umfeld mitteilen: Übrigens, ich bin kein Doktor mehr. Man müsste dann auch nicht mehr Kündigungen durch den Arbeitgeber fürchten.»