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Michael Haneke: Zerstreuungskino ist langweilig

Michael Haneke: Zerstreuungskino ist langweilig
Michael Haneke: Zerstreuungskino ist langweilig
Roland Schlager

Manche sahen im Oscar-prämierten Film «Liebe» eine gewisse Milde des Regisseurs aufkommen. Doch das will Michael Haneke nicht wirklich kommentieren. «Jedes Thema hat seine Form», sagt er dazu.

Im Interview der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ist der 71-Jährige begeistert vom Kino aus der Dritten Welt - im Gegensatz zum Zerstreuungskino in den Ländern, die vergleichsweise wenig Probleme haben.

Frage: Wo steht der Oscar?

Antwort: Der steht neben zwei Micky Mäusen. Da fühlt er sich wohl. Das sind zwei sehr schöne Micky Mäuse aus Zelluloid aus den 30er und 40er Jahren, die mir meine Frau geschenkt hat. Die eine spricht, die andere schlägt Purzelbäume.

Frage: Sie haben inzwischen weit mehr als 100 Preise eingeheimst. Ist das alles schon Routine?

Antwort: Jeder Preis ist willkommen. Denn jeder Preis bedeutet eine Verbesserung der Bedingungen bei der nächsten Arbeit. Unter den Preisen ist ein ganz einfacher aus Afrika, ein gestrickter Schal. Das finde ich rührend.

Frage: Haben Sie seit dem Oscar für «Liebe» Angebote aus den USA bekommen?

Antwort: Es gab sehr schnell Angebote aus den USA. Ich habe sie alle abgelehnt. Das waren teilweise gut geschriebene Sachen. Aber für die Amerikaner muss die Welt mit dem Kino erklärbar werden oder bleiben. Man soll beruhigt nach Hause gehen. Das ist genau das, was mich nicht interessiert.

Frage: Haben Sie nach den beiden Inszenierungen von Mozart-Opern in Madrid («Così fan tutte», 2013) und Paris («Don Giovanni», 2006) noch weitere Pläne fürs Musiktheater?

Antwort: Die beiden Opern waren anstrengend, aber auch ein großes Vergnügen. Es hat einfach Spaß gemacht, wochenlang mit dieser Musik zu arbeiten. Aber es ist mir schlicht zu viel Arbeit. Ich bin jetzt 71 und achte auf meine Zeit. Da mache ich lieber Filme.

Frage: Hätten Sie Lust, einen Haneke-Film einmal auf der Berlinale statt in Cannes zu präsentieren?

Antwort: Die Berlinale ist für meine Filme nicht geeignet. Aus einem simplen Grund: Dort werden die Preise nach politischen Gesichtspunkten vergeben. Es ist immer eine ganz bestimmte Art Filme, es sind eher die politisch korrekten, die dort preisgekrönt werden, und das ist auch gut so. Nur, ich passe nicht dorthin.

Frage: Was halten Sie vom deutschen Film?

Antwort: Die deutschen Filme sind nicht die ersten, wegen denen ich ins Kino gehe. Das interessanteste Kino ist das der Dritten Welt, der Schwellenländer. Die haben wirkliche Probleme, mit denen sie wirklich kämpfen, für die sie wirklich brennen, gegen die sie wirklich etwas tun wollen. Bei uns ist Kino eher zum Zerstreuungskino degeneriert. Das ist im Allgemeinen ein wenig langweilig.

Frage: Mit welchen Schauspielern wollen Sie noch zusammenarbeiten?

Antwort: Davon gibt es viele. Es gibt auch viele, die mit mir arbeiten wollen. Ich muss nicht fürchten, dass ich Schauspieler nicht kriege. Aber ich muss eine Rolle für sie haben. Das Problem des Kinos sind nicht die Regisseure, nicht die oft wunderbaren Schauspieler, sondern in erster Linie die nicht vorhandenen Drehbücher.

Frage: Was halten Sie von der Filmförderung?

Antwort: Das momentane Modethema ist Immigration, weil man dafür Förderung kriegen kann. Ich habe gar nichts dagegen, aber die Förderung darf nicht einziger Anlass sein. Und den Eindruck habe ich manchmal. Die Förderungssysteme sind auf der einen Seite unumgänglich, auf der anderen Seite eine große Krux, weil eine Schere im Kopf der Macher aufgeht.

Frage: Die mediale Revolution durch das Internet treibt Sie um?

Antwort: Ja, wir sind alle überfordert, wir sind mediale Analphabeten und hecheln der Entwicklung hinterher. Es gelingt uns weniger denn je, zwischen Illusion und Wirklichkeit zu unterscheiden. Wir bräuchten dringend eine Medienerziehung in den Schulen. Jeder glaubt informiert zu sein und doch haben wir nur Bilder und Meinungen anderer im Kopf. Das Internet wird eine zentrale Rolle in meinem nächsten Film spielen.

Frage: Sehen Sie auch Gutes in der technischen Entwicklung?

Antwort: Jeder kann heute fast ohne Geld einen Film machen. Er muss nicht privilegiert sein, er muss nicht in die Schule gehen, er kann, wenn er begabt ist, mit seinem Handy einen Film machen. Wenn der fantasievoll ist, ist das ein Knüller. Die Demokratisierung der Mittel finde ich wunderbar.

Frage: Sie unterrichten an der Wiener Filmakademie Regie. Was geben Sie Ihren Studenten mit?

Antwort: Praxis ist wichtig. Filmemachen lernt man nur durchs Filmemachen. Und Disziplin und eine gewisse Sucht. Als Student habe ich mir generalstabsmäßige Pläne gemacht, wie ich pro Tag in drei Filme gehen kann. Wenn man diese Sucht nicht hat, wird man nicht wirklich etwas Besonderes machen.

Frage: In Ihrer Freizeit sitzen Sie gern am Klavier?

Antwort: Ich spiele zu schlecht und habe schon vor Jahren aufgehört. Das ärgert mich. Ich höre viel Musik, lese und arbeite in unserem Landhaus. Ich gehe ungern spazieren, meine Frau geht gern spazieren. Ich habe nicht so viel Freizeit. Ich bin auch nicht geeignet für Freizeit.

Frage: Sie wollten ursprünglich einmal Dirigent werden.

Antwort: Für mich sind Musiker und Tänzer die respektabelsten Künstler. Bei denen hört und sieht man sofort, ob sie ihr Metier beherrschen. In allen Berufen, die mit Sprache zu tun haben, kann man irrsinnig bluffen. Der Regisseur ist der Bluff-Beruf par excellence.

ZUR PERSON: Michael Haneke war zunächst Fernsehspiel-Dramaturg beim Südwestfunk in Baden-Baden, später freier Regisseur und Drehbuchautor. 1989 drehte er seinen ersten Kinofilm. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit der Verfilmung des Romans von Elfriede Jelinek «Die Klavierspielerin» (2001). «Liebe» erhielt 2013 den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film.