Mit 100 Jahren plötzlich Model

Mit 100 Jahren plötzlich Model
Mit 100 Jahren plötzlich Model
Frank Rumpenhorst

Eine 103-Jährige arbeitet als Model, ein 101-Jähriger gibt Schwimmunterricht, ein 100-Jähriger wird vom Ex-Klempner zum Künstler, ein 102-Jähriger hat gerade eine neue Freundin und eine 116-Jährige ist schwerer zu erreichen als der Papst.

Wenn Karsten Thormaehlen von seinen Fotomodellen erzählt, kommt er ins Schwärmen. Der Fotograf porträtiert seit mehr als zehn Jahren Menschen, die ein dreistelliges Alter erreicht haben.

Eine von ihnen ist Ingeborg Wolf. Die 103-Jährige lebt in Kronberg im Taunus. Sie geht ins Fitnessstudio, entwirft Inneneinrichtungen, fährt Auto ohne Brille – und ist neuerdings auch Fotomodell. Ein Bekleidungshersteller wirbt zum 100-jährigen Firmenjubiläum mit Fotos von Menschen, die mindestens ebenso alt sind. Unter dem Foto von Frau Wolf steht: „Stilbewusstsein hört mit 100 nicht auf”.

Ihre Wohnung in einer Seniorenresidenz ist mit Antiquitäten und Design-Klassikern, moderner und asiatischer Kunst in einem strengen Farbkonzept geschmackvoll eingerichtet. Sie trägt einen hellblauen Kaschmirpullover mit einer lange Perlenkette, ist gut frisiert, dezent geschminkt und voller Tatendrang. Am Morgen war sie eine Stunde beim Sport. „Das einzige, was das Alter rettet, ist Bewegen, Bewegen, Bewegen”, sagt sie.

Wolf ist eine von rund 15 000 Menschen in Deutschland, die über 100 Jahre alt sind. Die Zahl der über 100-Jährigen wächst weltweit rasant. Im Jahr 2000 waren in Europa pro eine Million Einwohner 59 Personen älter als 100, 2015 waren es 150, 2030 könnten es Schätzungen zufolge schon 343 sein.

Nicht alle sind so fit wie Wolf – aber fitter als mancher vielleicht erwartet. Die „Zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie” ergab, dass mehr als die Hälfte der Studienteilnehmer keine oder nur geringe Einschränkungen im Geistigen hatte. Körperlich sieht es anders aus. Unter den befragten Hundertjährigen war keiner, der keine Gesundheitsprobleme hatte.

Mit 53 Jahren ist Thormaehlen nur etwa halb so alt. Der in Wiesbaden lebende Fotograf hat ein Atelier in Frankfurt und ist gefragter Experte, wenn es um Hochbetagte geht. Der Münchner Verlag Knesebeck hat bereits den dritten Bildband mit seinen Altersporträts herausgebracht («100 Jahre Lebensglück”), in mehr als 50 Ausstellungen weltweit wurden seine Arbeiten gezeigt.

Angefangen hat das Ganze mit einem eher schlechten Bild: Thormaehlen sah das Porträt eines Mannes, dem in einer Zeitung zum 100. gratuliert wurde, und fand das lieblose Foto „dieser Lebensleistung unwürdig”, wie er erzählt. Er schlug seiner Agentin vor, eine Serie mit 100-Jährigen zu machen – und konnte gleich mit deren 102-jähriger Großmutter anfangen. „Ich war völlig perplex, wie agil die Dame war”, sagt er über sein erstes 100-Jährigen-Bild. Eine Erfahrung, die er noch oft machen sollte in den folgenden zwölf Jahren: Von vielen Hochbetagten, die er kennenlernte, war er „sehr beeindruckt”.

Auch Ingeborg Wolf muss wohl lebenslang eine beeindruckende Person gewesen sein. Geboren wurde sie 1915 in einem Ort, der heute zu Russland gehört. Aufgewachsen ist sie in Rostock. Früh heiraten, Hausfrau und Mutter werden war keine Option: „Ich hatte Ambitionen.” Am meisten interessierte sie sich für Mode. In den 50ern studierte sie Innenarchitektur, leitete später ein Möbel- und Designgeschäft und entwarf Wohnungen für Freunde, Bekannte und Verwandte.

„Ich bin alleine, aber nicht einsam”, sagt die 103-Jährige, die seit drei Jahrzehnten Witwe ist. Sie hat spät geheiratet – einen Arzt – hat keine Kinder, keine Enkel und keine Urenkel. „Ich habe einen ganz großen Freundeskreis – den muss man sich aber auch bewahren.” Sie schreibt Briefe, handschriftlich. Freunde zu besuchen ist inzwischen zu mühsam. Zum Fotoshooting nach Berlin begleitete sie eine Nichte.

Der Kontakt kam über Fotograf Thormaehlen zustande. Firmen, Medien oder Institutionen, die besonders Hochbetagte suchen, wenden sich oft an ihn. Das Problem: Sein umfangreiches Adressbuch mit über 100-Jährigen ist nie lange aktuell.

Zum 100. hat Ingeborg Wolf ihre Memoiren geschrieben – mit der Hand. Mit dem Computer wurde sie nicht mehr warm. Lernen würde sie das wohl, glaubt sie, „es ist ja nicht so, dass wir Alten nicht mehr lernfähig wären”. Aber so ein hässlicher Kasten, und wohin mit all den Kabeln? Das Abtippen übernahm daher eine Nichte. Auf Fotos sieht man ein junges Mädchen zu Pferde, einen Verlobten, der im Zweiten Weltkrieg starb, eine kecke junge Dame im Stile Audrey Hepburns, eine energische Ältere mit Sturmwindfrisur. „Ach, ich könnte Romane erzählen...”