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Mitten in New York: ein Zimmer voller Erde

Mitten in New York: ein Zimmer voller Erde
Mitten in New York: ein Zimmer voller Erde
John Cliett

Draußen auf der Wooster Street im New Yorker Stadtteil SoHo drängen sich teure Designer-Modeläden aneinander, Autos und Lastwagen rattern über das Kopfsteinpflaster, hinter Gerüsten renovieren Bauarbeiter die früheren Fabrikgebäude oder ziehen gleich ganz neue Luxuswolkenkratzer hoch.

Im ersten Stock des grauen Hauses mit der Nummer 141 ist es hingegen ruhig. Seit 40 Jahren liegt hier ein Haufen Erde.

Wie und wann genau der „Earth Room” – 127 300 Kilogramm Erde verteilt auf 335 Quadratmeter in 56 Zentimeter Höhe – in dem Loft entstand, ist unklar. Sicher ist nur, dass er im Oktober 1977 eröffnet wurde. „Es gibt keine Aufzeichnungen”, sagt Bill Dilworth, der seit 1989 für die Pflege und Beaufsichtigung der Erde zuständig ist. „Niemand machte sich damals Notizen, es waren die 70er, da wäre keiner auf den Gedanken gekommen, sich Notizen zu machen. New York war damals von der Insolvenz bedroht, es war wild. Heute ist es reich, aber damals war es wild – und das hier entstand in diesem Kontext.”

Das Loft in der Wooster Street war damals die Galerie des Deutschen Heiner Friedrich. Mit zwei Kollegen hatte Friedrich Anfang der 70er Jahre in New York die Kunststiftung Dia gegründet, nachdem er zuvor verschiedene Galerien in Deutschland betrieben hatte. „Heiner hat mir vor kurzem mal erzählt, dass er dann zu Walter gesagt hat: „Du kannst hier machen, was du willst, und es wird die letzte Schau sein”», sagt der „Earth Room”-Pfleger Dilworth. Walter ist Walter De Maria, ein 2013 gestorbener US-Künstler. „Er dachte drei Wochen nach und hatte sich dann den „Earth Room” überlegt.”

Es war nicht De Marias erster „Earth Room”. Zuvor hatte er schon einen in München und einen in Darmstadt installiert, doch die beiden überlebten nicht lange. Der „Earth Room” auf der Wooster Street ist der einzige, den es noch gibt und „fester Bestand der New Yorker Kulturgüter”, wie Friedrich sagt.

Ursprünglich sei die Ausstellung nur bis Anfang November 1977 angesetzt gewesen, schrieb die „New York Times” in ihrer Besprechung damals und beschrieb die Installation als das „größte Katzenklo der Welt”. Ursprünglich stand das Werk auch zum Verkauf, aber das habe wohl schon damals niemand so richtig ernst genommen, sagt der „Earth Room”-Pfleger Dilworth. Schließlich hätte der Käufer de facto fast 130 000 Kilogramm Erde bekommen, den bis zu zwölf Menschen zehn Tage lang in das Loft hineingeschaufelt haben.

Also liegt die Erde weiter in der Wooster Street. Wo sie herkommt, weiß niemand. „Einige behaupteten, sie komme von einem Feld in Pennsylvania. Aber Walter hat das zurückgewiesen und gesagt, sie komme aus dem Norden des Bundesstaates New York. Wir wissen es nicht. Aber der Knackpunkt war die Farbe, darum ging es.” Ein sattes Schwarz ist es dieser Tage, mit leichtem Erdgeruch, brauner und geruchslos, wenn es länger kein Wasser gab.

„Anfangs war der Geruch fast stechend, es gab Menschen, die auf Pilze allergisch sind, die hier nicht sein konnten. Aber das hat nachgelassen.” Dilworth gießt und harkt den „Earth Room” seit 1989 einmal pro Woche, ansonsten bleibt alles, wie es ist. Über den Sommer bleibt die Installation drei Monate lang geschlossen.

Die Erde lebt, nach wie vor. 20 Prozent Ton, 38 Prozent Lehm und 42 Prozent Sand diagnostizierte der Wissenschaftler Gerd Wessolek von der Technischen Universität Berlin 2010 in einer Studie. Anfangs schossen noch dicke weiße Pilze aus der Erde hervor. „Mein Vorgänger warnte mich, dass sie giftig seien und sie sahen auch ein bisschen so aus. Aber ein Freund von mir sah das anders und verspeiste einen. Dann verschwand er und ich dachte schon, er sei daran gestorben. Aber er tauchte wieder auf und bewies mir, dass die Pilze essbar sind. Ich habe danach viele davon gegessen, sehr lecker.” Seit etwa zehn Jahren habe er keinen weißen Pilz mehr gesehen, nur noch kleinere graue.

Manchmal führe der „Earth Room” dazu, dass Feuchtigkeit und Schimmel in die Wände gerieten, sagt Dilworth. Das werde dann repariert. Ansonsten sei die auf Plastik gelagerte Installation stabil. „Das hier hat sich als stabilste Etage des Gebäudes erwiesen. Auf allen anderen Etagen sind Menschen und die haben über die Jahre alle Arten von Lecks ausgelöst, manche desaströs. Die Menschen verursachen mehr Schäden als der „Earth Room”.”

Künstler De Maria lebte lange in SoHo, aber den „Earth Room” besuchte er nicht oft, erinnert sich Dilworth. „Er war jemand, der sich auf den Eröffnungen seiner eigenen Ausstellungen versteckt hat – wenn er denn überhaupt hinging. Hierhin kam er sehr selten und wenn, dann schreckte er auf und rannte weg, wenn jemand anderes reinkam. Er wollte auch nie sagen, was seine Kunstwerke bedeuten.”

Die Installation ist heute beliebt wie nie zuvor. Früher kamen um die 3500 Menschen pro Jahr, jetzt sind es bis zu 17 000. Einerseits liege das daran, dass mehr Reiseführer den „Earth Room” auflisteten, sagt Dilworth. „Aber andererseits liegt es auch daran, dass sich in New York alles verändert und das hier bleibt. Alles da draußen verändert sich und hier drinnen verändert sich nichts, das gibt Bedeutung.”