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Report: Putin zelebriert Siegeskult und Stärke

Report: Putin zelebriert Siegeskult und Stärke
Report: Putin zelebriert Siegeskult und Stärke
Alexander Zemlianichenko / Pool

Soldaten, Panzer und Kampfjets - die Atommacht Russland führt mit der größten Waffenschau ihrer Geschichte der Welt ihre Stärke vor Augen.

Bei blauem Himmel und Sonnenschein nimmt Kremlchef Wladimir Putin auf dem Roten Platz die mit Pomp und Pathos inszenierte Militärparade um 70. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Hitler ab.

Hunderte Kriegsveteranen sind dabei. Sie seien die Haupthelden, betont der russische Präsident. Ihnen verdanke die Welt ein Leben in Frieden und Freiheit. Zum ersten Mal überhaupt ruft er auf dem Roten Platz zu einer Schweigeminute für die Opfer des Faschismus auf. Doch seine Ansprache in Moskau richtet sich auch an jene, die fehlen.

Die westlichen Alliierten der Anti-Hitler-Koalition im Zweiten Weltkrieg sind weder mit Staats- noch Regierungschefs vertreten - aus Protest gegen Russlands Politik im Ukraine-Konflikt. Und auch wenn Putin sie nicht beim Namen nennt, so ist seine Kritik an USA und Nato unüberhörbar. Trotz der Lehren der dunklen Geschichte gebe es weiter Versuche, eine «monopolare Welt» mit neuem Blockdenken zu schaffen.

Der Oberbefehlshaber Putin nutzt die Bühne, um für eine neue globale Sicherheitsarchitektur zu werben. Sicherheit eines Landes auf Kosten eines anderen soll es nach seiner Vorstellung nicht geben. Doch der Tag des Sieges in Moskau offenbart auch, dass die Gräben zwischen West und Ost wieder tief sind. Putin wirft dem Westen vor, was EU und USA sonst Russland vorhalten: die Verletzung der Nachkriegsordnung.

Im Blick haben dürfte er damit nicht nur die Osterweiterung der Nato bis an die Grenzen Russlands, sondern einmal mehr die US-Pläne für eine US-Raketenabwehr in Europa. Die auf der Parade präsentierten atomar bestückbaren Interkontinentalraketen sollen klipp und klar zeigen, dass Russland gegen alle Gefahren gewappnet ist.

«Mein Herz schlägt schneller, wenn ich diese Technik sehe», schwärmt die Zuschauerin Tatjana Sawinkowa am zentralen Puschkin-Platz. In Zeiten, in denen alle mit Russland streiten würden, sei die Parade ein wichtiges Zeichen der Stärke, meint die 58-Jährige. «Wir spüren, dass wir verteidigt werden. Das ist wichtig, denn aus den Nachrichten bekommt man das Gefühl, dass uns alle angreifen wollen», sagt die 61-jährige Galina Pikul über die martialische Waffenschau.

Nicht zuletzt soll auch Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping an der Seite von Putin auf der Ehrentribüne zeigen, dass Russland nicht allein ist im Streben gegen eine Vormachtstellung der USA. «Die Annäherung zwischen Russland und China ist ein Zeichen dafür, dass sich die Weltordnung verändert», twittert der Moskauer Politologe Dmitri Trenin vom Carnegie Center.

Der Experte teilt aber auch eine Spitze gegen den Kreml aus - wegen «unkluger Staatspropaganda». Gemeint ist die veröffentlichte Liste der etwa 20 Staatsgäste, die aus Sicht Trenins zeigt, dass Russland ziemlich alleine ist an seinem Feiertag. Noch zum 60. Jahrestag des Kriegsendes waren rund 40 Staatsgäste bei der Parade, darunter US-Präsident George W. Bush und Kanzler Gerhard Schröder.

Der Feierlaune tut dies dennoch keinen Abbruch. Die Moderatoren des Staatsfernsehens schwärmen verzückt, die Militärparade habe alle Erwartungen übertroffen. «Ich kann meine Gefühle kaum beherrschen», schwärmt ein junger Moderator.

Stolz, Freude und Dankbarkeit für den Sieg über den Faschismus bewegt die Menschen, die viele Stunden vor Paradenstart an der Twerskaja Straße ausharren. Kinder und junge Männer klettern drei Stunden vor Beginn auf Bäume, um einen Blick auf die Kriegstechnik zu erhaschen.

«Großartig» und «wunderschön», jauchzen Zuschauer, als Kampfjets fast zum Greifen nah über die Dächer der Hauptstadt donnern. «Russland, Russland», jubelt die Menge im Chor einer Flugzeugformation zu, die am Himmel eine 70 zu Ehren des Jubiläums formt.

Außer den Flugzeugen können Tatjana Sawinkowa und ihre Freundinnen nur wenig von der Waffenschau sehen. Hunderte Menschen stehen vor ihnen, als die Panzer und Raketen mit knatternden Motoren und einer dicken Abgaswolke vorbeirollen. «Im Fernsehen ist es besser zu erkennen, aber hier spüren wir die Energie, hier kommen alle Patrioten zusammen», sagt Sawinkowa.