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Muslimbrüder drohen mit «Freitag der Wut»

Muslimbrüder drohen mit «Freitag der Wut»
Muslimbrüder drohen mit «Freitag der Wut»
Ahmed Assadi

Zwei Tage nach der blutigen Räumung der Protestlager der Islamisten droht Ägypten neue Gewalt: Anhänger der radikalen Islamisten-Vereinigung Dschihad wollen heute gemeinsam mit den Muslimbrüdern gegen die vom Militär eingesetzte Übergangsregierung protestieren.

Von den Islamisten seien unter dem Motto «Freitag der Wut» friedliche Kundgebungen geplant, aber niemand könne garantieren, dass es nicht auch zu Gewalt und Brandanschlägen komme, sagte der Generalsekretär der Islamischen Partei, Mohammed Abu Samra, dem Nachrichtenportal der Kairoer Tageszeitung «Al-Masry Al-Youm». Gerade jungen Menschen seien sehr erzürnt. Die Demonstrationen sollen an allen Moscheen Kairos beginnen und Richtung Ramses-Platz führen, erklärt der Sprecher der Bruderschaft, Gehad al-Haddad, auf Twitter.

Auch die Protestbewegung «Tamarud», die Ende Juni die Massenproteste gegen Präsident Mohammed Mursi organisiert hatte, rief die Bürger auf, am Freitag in ihren Wohnvierteln Bürgerwehren zu bilden, um ihre Häuser sowie die lokalen Moscheen und Kirchen vor möglichen Attacken der Islamisten zu schützen. Das ägyptische Staatsfernsehen strahlte am Abend den Aufruf von Mahmud Badr, dem Koordinator der «Tamarud»-Bewegung, aus. Er sagte, auch einfache Bürger seien sehr wohl in der Lage, zwischen friedlichen und bewaffneten Protesten zu unterscheiden.

Die ägyptische Regierung korrigierte die Zahl der Toten laut übereinstimmender Medienberichte auf 638 nach oben. Verletzt worden seien 4201 Menschen.

Zwischen den Verbündeten USA und Ägypten wird der Ton unterdessen rauer. Kairo kritisiert Äußerungen von US-Präsident Barack Obama und spricht von terroristischen Handlungen, die sich gegen Regierungsgebäude und lebenswichtige Einrichtung richteten. In der Erklärung des Büros von Übergangspräsident Adli Mansur hieß es in der Nacht zum Freitag weiter: «Die Präsidentschaft fürchtet, dass Erklärungen, die nicht auf korrekten Fakten basieren, gewalttätige bewaffnete Gruppen stärken und sie in ihrem Widerstand gegen Stabilität und den demokratischen Übergang bestärken könnten.»

Obama hatte erklärt, die USA verurteilten die Maßnahmen der Übergangsregierung und der Sicherheitskräfte scharf. Obama bedauerte die Gewalt gegen Zivilisten und sprach sich gegen den verhängten Notstand aus. Die USA sagten eine traditionelle gemeinsame Trainingseinheit beider Streitkräfte ab. Angesichts der Geschehnisse könnten die Vereinigten Staaten ihre Beziehung mit dem Land derzeit nicht wie gewohnt weiterführen, sagte Obama am Donnerstag von seinem Ferienort auf der Insel Martha's Vineyard im US-Staat Massachusetts aus.

Der UN-Sicherheitsrat verurteilte am Donnerstag die Gewalt in Ägypten. Zugleich wurden alle Parteien aufgerufen, die «Aggressionen» einzustellen, wie Argentiniens Vertreterin Maria Cristina Perceval als derzeitige Ratspräsidentin nach einer Dringlichkeitssitzung des Gremiums mitteilte.

Die USA riefen Bürger zum Verlassen des Landes auf. Alle dort lebenden Amerikaner seien angehalten, aus dem nordafrikanischen Staat auszureisen, teilte das Außenministerium in Washington am Donnerstag mit. Das US-Außenministerium begründete seine Reisewarnung mit den politischen und sozialen Unruhen in Ägypten.

Mehrere westliche Staaten, darunter Deutschland, hatten zuvor die ägyptischen Botschafter einbestellt. Die EU-Außenminister wollen die Lage in dem Land voraussichtlich Anfang kommender Woche erörtern.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte im ZDF-«heute journal», er habe die Lage mit seinem US-Kollegen John Kerry am Telefon besprochen. Es gelte nun, das weitere Vorgehen international abzustimmen. Sein Ministerium hat bislang eine Teilreisewarnung für Ägypten erlassen und rät von Reisen in das Land ab.

Die Türkei ruft ihren Botschafter in Ägypten zu Konsultationen nach Ankara zurück. Dies gab Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am späten Donnerstag bekannt, wie die Nachrichtenagentur Anadolu berichtete.

Das ägyptische Innenministerium wies die Polizei an, ab sofort mit scharfer Munition auf Plünderer und Saboteure zu schießen. In einer Erklärung hieß es, der Anlass dafür seien «Terrorattacken der Organisation der Muslimbrüder auf verschiedene Einrichtungen von Regierung und Polizei in mehreren Provinzen». Damit solle verhindert werden, dass öffentliche Gebäude in Brand gesetzt und Waffen aus Polizeistationen gestohlen werden. Die Regierung hatte bereits zuvor trotz massiver internationaler Kritik das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte verteidigt. In mehreren Landesteilen gilt der Notstand.

Die Angriffe der Extremisten richteten sich nicht allein gegen öffentliche Gebäude und Polizeiwachen. Auch christliche Kirchen wurden Ziel der Attacken. Aus Sicherheitskreisen hieß es, in Abanub in der Provinz Assiut sei eine koptische Kirche niedergebrannt worden. Nach Angaben der christlichen Zeitung «Watani» attackierten die Islamisten insgesamt 35 Kirchen oder andere Einrichtungen der Kopten.