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Personalroulette bei Volkswagen

Mit weitreichenden Personalentscheidungen will der VW-Aufsichtsrat am Freitag bei seiner Sitzung in Wolfsburg einen Ausweg aus dem Abgas-Skandal suchen.

Dazu ist das 20-köpfige Gremium am späten Vormittag auf dem Werksgelände in Wolfsburg zusammengekommen, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Teilnehmerkreisen erfuhr.

Im Mittelpunkt des Krisentreffens steht die Wahl des Nachfolgers von Martin Winterkorn. Der langjährige VW-Chef war am Mittwoch wegen der Affäre um manipulierte Abgaswerte bei Dieselmotoren zurückgetreten. Der Konzern hatte zuvor einräumen müssen, dass weltweit rund elf Millionen Fahrzeuge von den Manipulationen betroffen sind.

In den betreffenden Motoren wird eine Software genutzt, die die gemessenen Abgaswerte im Testbetrieb künstlich nach unten korrigiert. Infolge des Skandals war in dieser Woche zwischenzeitlich der Kurs der VW-Aktie massiv eingebrochen. Weltweit drohen dem Konzern zudem juristische Nachspiele und Milliardenstrafen.

Nach seinem Rücktritt als VW-Konzernchef neigt sich für Winterkorn wohl auch die Zeit als Vorsitzender der Porsche-Dachgesellschaft Porsche SE dem Ende entgegen. Der 68-Jährige solle dort unter keinen Umständen an der Spitze bleiben, erfuhr dpa aus Unternehmenskreisen.

Der Porsche SE gehört die Mehrheit von Volkswagen. Zuvor hatte «Spiegel Online» berichtet, dass Winterkorn hier im Amt bleiben wolle. Ein Sprecher wollte sich zu den Spekulationen nicht äußern.

Als Top-Favorit für die Nachfolge bei VW gilt Porsche-Chef Matthias Müller. Bei der Tochter Porsche soll wiederum Produktionsvorstand Oliver Blume sehr gute Karten haben, Müller-Nachfolger zu werden.

Nach dpa-Informationen gibt es im Präsidium und Gesamt-Aufsichtsrat insbesondere auf der Arbeitnehmerseite Vorbehalte gegen VW-Markenchef Herbert Diess, der zwischenzeitlich ebenfalls für den Spitzenposten gehandelt worden war. Auch Lkw-Chef Andreas Renschler würden kaum noch Chancen eingeräumt, hieß es aus gut unterrichteten Kreisen.

Dagegen zeichnet sich eine wachsende Unterstützung für Müller ab - insbesondere von der Kapitalseite. Der 62-Jährige war bereits im Frühjahr vom längst geschassten VW-Patriarchen Ferdinand Piëch als Winterkorn-Nachfolger ins Gespräch gebracht worden.

Fachlich spreche für den erfahrenen Automanager Müller, dass er das Unternehmen sehr gut kenne und - anders als Diess - «den richtigen Stallgeruch des Konzerns» habe sowie auf einen großen Rückhalt im Management bauen könne, hieß es. «Das ist gerade mit Blick auf die anstehenden Strukturreformen, die nicht nur Freude hervorrufen werden, nicht zu unterschätzen», sagte ein Konzerninsider der dpa.

Der Sitzung des vollständigen Aufsichtsrates waren am Morgen schon Konferenzen des Präsidiums und der Anteilseigner vorausgegangen. An der Präsidiumssitzung nahmen der Interimsvorsitzende Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Großaktionärs-Vertreter Wolfgang Porsche sowie Betriebsratschef Bernd Osterloh und dessen Stellvertreter Stephan Wolf teil.

Begleitet wurden die Beratungen von einem Protest der Umweltorganisation Greenpeace. Vor einem der Werkstore stellten Aktivisten mehrere Golf-Modelle mit Pinocchio-Figuren mit langer Nase und Plakaten mit der Aufschrift «Schluss mit Lügen» ab.

Neben der Winterkorn-Nachfolge stehen im Aufsichtsrat noch weitere wichtige Personalfragen auf der Tagesordnung. Es wird erwartet, dass sich das Gremium auch auf die Ablösung von VW-US-Chef Michael Horn einigt. Nachfolgefavorit soll Skoda-Chef Winfried Vahland sein.

Auch bei den VW-Töchtern wackeln wegen des Skandals mächtige Manager. Der bei Porsche für Forschung zuständige Vorstand Wolfgang Hatz musste bereits am Donnerstag seinen Hut nehmen. Gleiches dürfte am Freitag Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg widerfahren, wie dpa aus Konzernkreisen erfuhr.

Nach Informationen der Fachzeitschrift «auto motor und sport» soll zudem Seat-Chef Jürgen Stackmann in den VW-Vorstand wechseln und dort neuer Konzern-Vertriebschef werden. Erster Kandidat für die Nachfolge an der Spitze der spanischen VW-Tochter ist demnach Luca de Meo, aktuell Vertriebschef bei Audi. Dagegen soll Audi-Chef Rupert Stadler seinen Posten vorerst behalten und nicht zu VW wechseln.

Der Abgas-Skandal hat inzwischen neben VW und Audi auch die Töchter Skoda und Seat erfasst. Zudem steht die Frage im Raum, ob andere Hersteller ebenfalls getrickst haben könnten. BMW, Daimler, Ford, Opel und Fiat betonten, sich an alle gültigen Vorgaben zu halten.

«Verbraucher, die sich im Vertrauen auf die Aussagen der Autohersteller sparsame und umweltverträgliche Autos zugelegt haben, fühlen sich zu Recht betrogen», sagte Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) der dpa. Allen Hinweisen von Verbraucher- und Umweltverbänden zum Trotz habe die Politik in Deutschland und in der EU nicht gehandelt. «Deshalb kann man hier von Verbrauchertäuschung mit Duldung der Politik sprechen.» Der vzbv forderte zum Schutz von Autokäufern die Einführung von Gruppenklagen in Deutschland. Bislang muss jeder Geschädigte selbst klagen.