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Pissarro: «Vater des Impressionismus» in Wuppertal

Pissarro: «Vater des Impressionismus» in Wuppertal
Pissarro: «Vater des Impressionismus» in Wuppertal
Marius Becker

Sanfte dunkle Augen, Habichtnase und Rauschebart - Camille Pissarro brachte schon äußerlich alles mit, um zum «Vater des Impressionismus» zu werden. Das Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal widmet ihm jetzt eine große Übersichtausstellung mit 170 Werken.

Darunter sind 64 Pissarro-Gemälde, aber auch Bilder von Cézanne, Manet, Monet, Gauguin und Van Gogh. Mit all diesen Künstlern stand Pissarro in einem intensiven Austausch. Die Schau folgt auf frühere Impressionisten-Ausstellungen des regen Wuppertaler Museums.

Bilder sind ein Genuss - man bekommt gar nicht genug von den stimmungsvollen französischen Landschaften, den qualmenden Industriestädten und liebevollen Porträts, meist von Menschen aus Pissarros direkter Umgebung. Solche Bilder gehören heute zu den Publikumslieblingen des Museumsbetriebs. Was man sich kaum vorstellen kann: Einst wurden sie als «Schmiererei» geschmäht. Ihre Maler mussten sich genau das anhören, was heutigen Künstlern auch oft vorgehalten wird: Kunst kommt von Können!

Pissarro verkaufte deshalb lange Zeit kaum etwas und häufte so in seinem Haus 1500 Gemälde an. Dann kam 1870 der Deutsch-Französische Krieg. Pissarro floh vor den heranrückenden Deutschen nach London, die Soldaten besetzten sein Haus und benutzten seine Gemälde als Fußabtreter. Fast das gesamte Frühwerk, das Ergebnis von 15 Jahren Arbeit, wurde so zerstört.

Pissarro war rund zehn bis zwanzig Jahre älter als die heute bekannteren Impressionisten Paul Cézanne, Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir und Paul Gauguin. Der Beiname «Vater des Impressionismus» - der auch der Ausstellung den Titel gab - bezieht sich jedoch nicht darauf, dass er der Lehrer der anderen gewesen wäre. Pissarro war Mentor vieler Jüngerer, ließ sich aber ebenso von ihnen beeinflussen.

Vor allem aber war er derjenige mit dem größten Gemeinschaftsgeist. Er vermittelte den psychologisch schwer angeschlagenen Kollegen Vincent van Gogh an den malenden Nervenarzt Paul Gachet. Er drängte darauf, dass sich die erfolglosen Kunst-Rebellen in einer Vereinigung organisierten und gemeinsam ihre Bilder ausstellten. Und er war es auch, der die geniale Idee hatte, den Spottnamen «Impressionisten» - Eindrückler - anzunehmen und in einen Markennamen umzuwandeln. Gerhard Finckh, der Direktor des Von-der-Heydt-Museums, meint deshalb: «Man könnte sagen: Pissarro ist der Impressionismus. Ohne ihn hätte es diese Bewegung nicht gegeben.»

Es war für «Père Pissarro», Vater Pissarro, ein schwerer Schlag, dass sich viele seiner Künstler-Freunde am Ende seines Lebens von ihm abwandten. Auslöser dafür war die Affäre um den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus, der - zu Unrecht - beschuldigt wurde, ein deutscher Spion zu sein. Frankreich erlebte eine Welle des Antisemitismus, und Pissarro geriet als Jude zwischen die Fronten.

Edgar Degas wechselte danach die Straßenseite, wenn ihm Pissarro entgegenkam. Renoir verleumdete Pissarros Familie als Teil «jener jüdischen Rasse von geizigen Weltbürgern und schlauen Krämerseelen», die nur nach Frankreich kämen, «um Geld zu machen». Es ist das dunkelste Kapitel des Impressionismus. Mit 73 Jahren starb Pissarro 1903 in Paris - zu früh, um den großen Durchbruch noch selbst zu erleben.