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Porträt: Der etwas andere Linke

Die Aufregung war Bodo Ramelow nach dem verpatzten ersten Wahlgang anzumerken: Mit angespanntem Gesicht schien sich der 58-Jährige im Thüringer Landtag selbst die Daumen zu drücken.

Als er im zweiten Anlauf mit genau der Stimmenzahl, die Rot-Rot-Grün hat, zum ersten Ministerpräsidenten der Linken gewählt wird, ist er wieder der Alte. Selbstbewusst und redegewandt startet Ramelow ins Amt. «Als Regierungschef komme ich jetzt öfter», sagt er bei der Vereidigung seiner Ministerriege.

Bei einem Erfolg von Rot-Rot-Grün mit ihm als Taktgeber kann Ramelow der Linkspartei zu einem gewaltigen Schritt nach vorn im politischen Establishment der Bundesrepublik verhelfen. Wer ist der Mann, der jetzt die Thüringer regiert?

Gelernter Kaufmann, Ex-Gewerkschaftsfunktionär und seit Jahren als Fraktionschef das Gesicht und die Stimme der Linken in Thüringen. Demokratischer Sozialist und Christ, sagt Ramelow von sich. Protestant steht in seiner Abgeordnetenvita - eher selten bei einem Linken in Ostdeutschland. Beim Amtseid vergisst er die Formel «So wahr mir Gott helfe». Die ruft ihm prompt ein Abgeordneter aus den Oppositionsreihen zu.

«Ich bin jemand, der im Westen sozialisiert wurde und der den Umbruch im Osten nach der Wiedervereinigung erlebt hat», sagt Ramelow. Als Chef von Rot-Rot-Grün übt er sich gleich in seiner ersten Rede nach der Wahl in der Rolle als Landesvater. Er stehe für einen fairen und respektvollen Umgang auch unter politischen Kontrahenten. Seiner CDU-Vorgängerin Christine Lieberknecht dankt er wortreich für ihre Arbeit. Und er entschuldigt sich als Linke-Politiker bei Stasi-Opfern.

Ramelow wurde in Niedersachsen geboren und hat seine Jugend in Hessen verbracht. Inzwischen lebt und arbeitet er 24 Jahre in Thüringen, erst als Landeschef der damaligen Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen und seit 1999 als Abgeordneter im Landtag. Zwischendurch saß er von 2005 bis 2009 für die Linke im Bundestag. Während seiner Berliner Zeit managte Ramelow den Zusammenschluss der damaligen Ost-PDS mit der West-WASG zur Linkspartei.

Für Thüringens SPD-Chef Andreas Bausewein ist Ramelow «kein typischer Linker». Und auch Lieberknecht, mit der sich Ramelow privat duzt, nimmt ihn als Solisten unter den Linken wahr. Dennoch umarmt ihn seine Partei: Wenn der 58-Jährige auf Parteitagen spricht, wird er begeistert beklatscht. Manchmal muss der Politiker sogar ein Autogramm geben.

Dass er machtbewusst ist, bewies Ramelow im Wahlkampf: «Ich bin bereit», ließ er plakatieren und erzielte das beste Ergebnis der Linken seit 1990. Parteifreunde beschreiben ihn als Politiktalent, Strategen und Pragmatiker, als niemanden für die zweite Reihe.

Sein manchmal poltriges Temperament hat er in den vergangenen Monaten gezügelt: Bei seinem ersten Auftritt als Regierungschef wirkte er staatsmännisch und diplomatisch. Für seinen Traumjob als Regierungschef will er sein Abgeordnetenmandat im Landtag aufgeben und der Parteipolitik abschwören. Ramelow: «Die Staatskanzlei ist nicht der verlängerte Machtapparat einer Partei.»