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Report: Eine Stadt trotzt dem Grauen

Report: Eine Stadt trotzt dem Grauen
Report: Eine Stadt trotzt dem Grauen
Uwe Anspach

Wieder die Kerzen, wieder die mutmachenden Sprüche auf bemalten Bettlaken und kleinen Zetteln, und wieder diese Fassungslosigkeit in den Gesichtern der Menschen auf dem Pariser Platz der Republik.

Wo sie bereits vor Monaten ausgeharrt hatten nach den Anschlägen auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo», versammeln sich auch am Samstagabend trotz des Versammlungsverbots wieder Menschen, um der Toten der jüngsten Terroranschläge zu gedenken.

Viele schweigen, alle machen sich Mut. «Wir haben keine Angst», ist zu lesen, «Wir sind die Republik» und «Widerstand gegen die Barbarei». Paris zeigt Flagge und bäumt sich auf gegen den tödlichen Terror, durch den 24 Stunden zuvor 129 Menschen ums Leben gekommen sind.

Zwar fordert die Polizei die Trauernden von Zeit zu Zeit mit betont zurückhaltenden Durchsagen auf, den Platz in Ruhe zu räumen. Aber um das zentrale Denkmal für das nationale Symbol Marianne gruppieren sich die Menschen immer wieder, um kleine Botschaften zu hinterlassen für die Opfer, ihre Angehörigen und Mitmenschen. 

Vor der Konzerthalle «Bataclan» und vor dem «La Belle Équipe» spielen sich ganz ähnliche Szenen ab. Der schwere metallene Rollladen des Restaurants, in dem am Vorabend 19 Menschen starben, ist geschlossen. Auf dem Bürgersteig davor verleihen die Pariser ihrer Trauer Ausdruck mit einem Blumenmeer und Dutzenden Kerzen.

Es ist der Tag nach den Terroranschlägen von Paris: In ganz Frankreich herrscht Ausnahmezustand. Und trotz der Kerzen, Botschaften und Zettel wirkt die Hauptstadt abseits der Tatorte vielerorts fast wie immer. Für ihn seien die Angriffe vom Freitagabend weit weg, sagt ein Mann am Jardin du Luxembourg und betont: «Paris ist groß.» Und während vor dem gesperrten Eiffelturm schwer bewaffnete Polizisten Streife gehen, spulen etliche Touristen ihr Programm ab: Sie machen Fotos mit ihren Selfie-Sticks, lächeln dabei aufgedreht in die Kameras. Andere schlendern an der berühmten Pariser Oper entlang oder flanieren an der Seine - als wäre nichts geschehen in der Metropole.

«Alles sicher», sagt die Frau am Schalter der Metro-Station Denfert-Rocherau. «Keine Sorge. Alles sicher», beteuert auch einer der Soldaten, die sich um den Jardin du Luxembourg herum postiert haben. Es ist der Park vor dem Senatsgebäude, und auch er bleibt den ganzen Tag geschlossen.

Doch einige Touristen stehen unter dem Eindruck der Geschehnisse. Ein Pärchen aus Bayern will vorzeitig abreisen. «Die Geschäfte, die Museen, alles hat zu, für uns ist der Aufenthalt nicht mehr lohnenswert», sagt der Mann, der mit seiner Partnerin und gepackten Koffern auf der Aussichtsplattform des Trocadero steht. Abends könne man sich ja nicht mehr raustrauen.