MORD ODER FAHRLÄSSIGE TÖTUNG?

Siebenjähriger getötet: Urteil im Prozess gegen Betreuerin

– Die Frage nach dem Warum beantwortete die Angeklagte im Prozess um den gewaltsamen Tod eines siebenjährigen Jungen nicht.
dpa
Prozess
Die Angeklagte (M) wird beschuldigt ein ihr anvertrautes siebenjähriges Pflegekind getötet zu haben. Foto: Roland Böhm

Jetzt muss das Landgericht Heilbronn entscheiden, ob es sich um fahrlässige Tötung, Totschlag oder sogar Mord handelte. Heute soll das Urteil gegen die 70-Jährige fallen. Auf Mord haben sowohl der Staatsanwalt plädiert als auch der Anwalt, der die Eltern des Getöteten als Nebenkläger vertritt. Die Verteidigerin ging von fahrlässiger Tötung aus.

Vor rund einem Jahr soll die 70 Jahre alte Deutsche das Kind, auf das sie seit Jahren immer wieder aufgepasst hatte, gewürgt haben - mindestens drei Minuten lang. Am nächsten Tag fanden die Eltern ihren Sohn tot in der Badewanne der «Pflegeoma» in Künzelsau (Baden-Württemberg).

Nach der rund viereinhalb Monate dauernden Hauptverhandlung rückte der Staatsanwalt von der Anklage des Totschlags ab - er sah inzwischen das Mordmerkmal der niederen Beweggründe erfüllt. Die 70-Jährige habe das Kind aus Verlustängsten erwürgt, weil sie befürchtet habe, die Besuche könnten bald enden. «Für mich heißt das, dass man sich selbst wichtiger nimmt als das Leben eines anderen Menschen, eines kleinen Jungen.»

Die Tat sei selbstherrlich und selbstsüchtig gewesen, so der Staatsanwalt. Weil ein psychiatrischer Gutachter eine verminderte Schuldfähigkeit der Frau nicht hatte ausschließen können, forderte die Anklage statt der für Mord eigentlich vorgesehenen lebenslangen Haftstrafe nur 13 Jahre.

Die Verteidigerin betonte, ihr Mandantin habe zum Zeitpunkt der Tat im April 2018 an einer akuten Depression gelitten und nicht überlegt gehandelt. «Ich schließe mich meiner Verteidigerin an. Ich finde keine Worte für das, was passiert ist», sagte die Angeklagte. Im Prozess hatte sie zwar die Verantwortung für den Tod des Kindes übernommen, nicht aber erklärt, wie und warum es dazu kam.

Die Eltern hatten betont, an dem Prozess teilzunehmen, um Antworten zu finden und das Geschehene verarbeiten zu können. «Die Angeklagte hat aus Sicht der Nebenklage nichts dazu beigetragen, diesen Schmerz zu lindern», so der Anwalt in seinem Schlussvortrag. Dass die Frau den Tod des Kindes bis zuletzt als Unglücksfall darstelle, empfinde die Familie als weiteren Schlag ins Gesicht.

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