ANSCHLAG IN HALLE

Terror-Prozess: Familie des Attentäters schweigt

Über seine Familie spricht der Angeklagte im Prozess um den Anschlag von Halle nur ungern. Am vierten Verhandlungstag übernehmen das andere. Ein Bekannter der Familie erzählt von früheren Vorfällen, etwa in einem Supermarkt.
dpa
Prozess zum Terroranschlag von Halle
Der Angeklagte Stephan Balliet wird vor dem vierten Prozesstag von Justizbeamten aus dem Hubschrauber gebracht. Foto: Ronny Hartmann/dpa
Magdeburg.

Am vierten Prozesstag zum rechtsterroristischen Anschlag in Halle hat das Gericht das Umfeld des Angeklagten unter die Lupe genommen. Ein Zeuge berichtete von Vorfällen, bei denen der heute 28-Jährige schon früher seine rechtsextreme Einstellung kundgetan haben soll.

So habe der Angeklagte im Supermarkt einmal zwei Menschen angebrüllt, weil sich diese nicht auf Deutsch unterhalten hätten. Ein anderes Mal habe sich Stephan Balliet antisemitisch geäußert, schilderte der 31 Jahre alte frühere Freund der Halbschwester des Angeklagten am Mittwoch im Prozess vor dem Oberlandesgericht Naumburg.

Nach eigenen Angaben war der Zeuge jahrelang mit der Halbschwester des Angeklagten liiert, hat ein Kind mit ihr und ist dadurch eng mit der Familie verbunden. Außerdem gab er an, in seiner Jugend Teil der rechtsextremen Szene gewesen zu sein. Davon distanziere er sich inzwischen aber seit langem. Die Eltern des Angeklagten und die Halbschwester hatten zuvor ihr Recht auf Zeugnisverweigerung in Anspruch genommen.

Seit Dienstag vergangener Woche läuft vor dem Oberlandesgericht Naumburg der Prozess gegen den Sachsen-Anhalter. Der Prozess findet aus Platzgründen im Landgericht Magdeburg statt, im größten Gerichtssaal Sachsen-Anhalts. Die Bundesanwaltschaft wirft Balliet 13 Straftaten vor, darunter Mord und versuchten Mord. Der 28 Jahre alte Angeklagte hatte vorige Woche eingeräumt, am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht zu haben, in der Synagoge von Halle ein Massaker anzurichten. Dort feierten zu dem Zeitpunkt 52 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Nachdem er nicht in die Synagoge gelangt war, erschoss er eine zufällig vorbeikommende 40 Jahre alte Passantin und später einen 20-Jährigen in einem Dönerimbiss.

Zu Beginn des Prozesstages wurden am Mittwoch zunächst nacheinander Mutter, Vater und Halbschwester in den Saal gerufen. Der Angeklagte suchte Blickkontakt zu seinen Verwandten – der Vater nickte ihm kurz zu. Die Halbschwester, Tochter der Mutter des Angeklagten, schien den Blicken des 28-Jährigen auszuweichen und sprach mit zittriger Stimme. Nach Angaben ihres Ex-Partners hat die Halbschwester des Angeklagten den Kontakt zu Balliet in Folge des Anschlags abgebrochen. Der Ex-Freund beantwortete daraufhin stundenlang die Fragen der Richterin und der Anwälte.

Dabei wurde er vor allem nach persönlichen Eindrücken über den Angeklagten gefragt und dessen politischer Einstellung. Den Angeklagten beschrieb der Zeuge als Einzelgänger. „Ich kenne niemanden, den er als Freund bezeichnet hätte”. Versuche, ihn in seinen Freundeskreis zu integrieren, seien gescheitert.

Der Angeklagte hatte bisher immer betont, dass seine Familie nichts von seinem Anschlagsplan und seinem radikalen Weltbild gewusst habe. Die Nebenkläger hatten in den ersten Prozesstagen vor allem bezweifelt, dass das Umfeld des Beschuldigten seine rechtsradikale Einstellung nicht mitbekommen habe.

© dpa-infocom, dpa:200729-99-969678/3

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