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Todesfalle Mittelmeer: Das Sterben geht ungehindert weiter

Ein riesiger Kühlcontainer über dem Hafen von Palermo. Darin die Leichen von rund 50 Flüchtlingen. Sie sind wohl qualvoll an Abgasen erstickt, im Laderaum eines Schiffes auf dem Weg von Libyen nach Europa.

In Palermo auf der italienischen Insel Sizilien weiß man zunächst nicht einmal, wo und wie die neuen Opfer beerdigt werden sollen. Der örtliche Friedhof ist voll und wurde aus hygienischen Gründen geschlossen.

Während das Schlaglicht der Flüchtlingskrise derzeit auf Österreich liegt, wo ein Lastwagen mit mehr als 70 toten Flüchtlingen entdeckt wurde, geht das Sterben auf dem Mittelmeer ungehindert weiter. Trotz aller politischer Versprechen und Absichtserklärungen. Trotz Seenotrettungsprogrammen und EU-Militäreinsätzen gegen Schleuserkriminalität.

Ende der Woche kenterten vor der libyschen Küste wieder zwei Kutter, beladen mit Verzweifelten auf dem Weg nach Europa. Niemand weiß, wie viele genau ihr Leben verloren haben, es könnten um die 200 sein. Die Behörden in Libyen - einem im Chaos versunkenen Bürgerkriegsland - sind überfordert. «Es ist ein totales Chaos, wir haben kaum Ressourcen für eine kleine Rettungsaktion, geschweige denn für soetwas», zitiert die Flüchtlingsorganisation Migrant Report einen Behördenvertreter.

In diesem Jahr sind auf dem Mittelmeer bereits etwa 2500 Menschen umgekommen oder werden vermisst, erklärt das UN-Flüchtlingswerk UNHCR. «Das Mittelmeer bleibt die tödlichste Route für die, die Europa erreichen wollen», schreibt Sprecherin Melissa Fleming auf Twitter. Für wie viele das Meer aber tatsächlich schon zum Friedhof geworden ist, kann niemand genau sagen. Denn meistens ist es nicht klar, wie viele Menschen überhaupt an Bord waren. Viele Leichen werden nie geborgen.

Die oft seeuntüchtigen Booten werden überladen, die Migranten eingepfercht. Oft bricht bei Rettungsaktionen Panik aus, und die Schiffe gehen unter. Unter Deck kommen immer wieder zahlreiche Menschen um. Dort müssen die bleiben, die den Schleppern weniger Geld bezahlen können. Überlebende erzählten, sie hätten etwa 3000 Euro bezahlt, um oben an Deck sein zu können. Erst Mitte August kam es zu einem ähnlichen Unglück. Damals starben ebenfalls rund 50 Menschen in einem Schiffsbauch.

Abgase aber auch die Misshandlung durch Menschenschlepper werden ihnen oft zum Verhängnis, geht aus Berichten von Überlebenden hervor. «Sie haben uns erzählt, dass sie gezwungen wurden, unter Deck zu bleiben, dass sie geschlagen wurden, wenn sie rausgingen», sagt Dario Terenzi von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Einer sei bei dem jüngsten Unglück beim Versuch, aus dem Laderaum zu fliehen, getötet worden. Den Schleppern wird selten das Handwerk gelegt, manche werden in Italien festgenommen - aber die mächtigen Hintermänner sind das oft nicht.

Es ist nicht absehbar, dass das Sterben auf dem Meer bald ein Ende hat. Rund 310 000 Flüchtlinge sind nach UN-Angaben seit Jahresbeginn über das Mittelmeer nach Europa gelangt, davon etwa 110 000 nach Italien.

«Diese Situation wird nicht sechs Monate und auch nicht nur wenige Jahre dauern», sagt der Chef der EU-Grenzschutzagentur Frontex, Fabrice Leggeri, der Zeitung «La Repubblica». «Die Ursachen (der Flüchtlingskrise) bleiben: Die politische Situation im Nahen Osten und fehlende Entwicklungsperspektiven in Afrika. Das sind strukturelle Elemente, die sich vielleicht sogar verschlechtern.»