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Unabhängige Prüfung von VW-Affäre gefordert

Im Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Volkswagen fordern Umweltverbände eine Untersuchung durch eine unabhängige Kontrollbehörde.

«Wir haben in den vergangenen acht Jahren erlebt, wie das ehemals stolze Kraftfahrt-Bundesamt zum devoten Dienstleister der Autobauer verkam», sagte der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch.

Die IG Metall wehrt sich gegen drohende negative Folgen für die Belegschaft. Die Affäre bedeute einen «unendlichen Schaden» für das Produkt, den Konzern und den Standort Deutschland, sagte Gewerkschaftschef Detlef Wetzel in Frankfurt.

Der Skandal sei aus nationaler Sicht mit der Finanzkrise 2008/2009 vergleichbar. Arbeitnehmer seien dafür nicht verantwortlich, meinte Wetzel am Montagabend. Er gab aber zu, dass sich auch die in Wolfsburg mächtige IG Metall Fragen zu ihrem Beitrag zur Unternehmenskultur bei VW stellen müsse. Es stehe ein großer Kulturwandel an.

«Es ist kein Wert an sich, größer als Toyota zu sein», sagte Wetzel. Zudem müsse man sich fragen: «Wieso haben wir davon nichts gewusst?» Die Affäre hat aus Sicht der Gewerkschaft allerdings nichts mit der besonders ausgeprägten Mitbestimmung in dem Konzern zu tun.

Die bisherigen finanziellen Rückstellungen wegen des Abgas-Skandals dürften einem Bericht zufolge nicht für die Lösung aller Probleme ausreichen. Dies geht aus einer Antwort von Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch auf entsprechende Fragen bei einer Manager-Versammlung hervor, wie das Fachblatt «Automobilwoche» schreibt.

Die veranschlagten 6,5 Milliarden Euro sind demnach vor allem für technologische Lösungen und Service-Leistungen vorgesehen. Möglicher Schadenersatz, Anwaltshonorare und andere Kosten kämen obendrauf. Ein VW-Sprecher verwies auf die Gewinnwarnung aus der vergangenen Woche fürs dritte Geschäftsquartal, wonach der angenommene Betrag für Serviceleistungen «Einschätzungsrisiken» unterliege und auch bereits klar nur den Serviceleistungen zugeordnet worden sei.

Während die VW-Aktie an der Frankfurter Börse bis zum Mittag erneut schwächelte und unter die 100-Euro-Marke rutschte, warnte Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) vor drohenden Problemen mit den Umweltplaketten. «Da kommt eine riesige Welle auf uns zu», sagte er am Dienstag im Westdeutschen Rundfunk. Es sei fraglich, ob die Plaketten für die manipulierten Fahrzeuge noch haltbar seien. Möglicherweise müssten deswegen Haftungsansprüche geltend gemacht werden.

Der neue VW-Konzernchef Matthias Müller versprach eine «schonungslose und konsequente Aufklärung». Volkswagen werde in den nächsten Tagen betroffene Kunden darüber informieren, dass das Abgasverhalten ihres Fahrzeugs in Kürze nachgebessert werden müsse. VW stehe vor der «größten Bewährungsprobe» in der Unternehmensgeschichte. Der Konzern hat bereits die US-Großkanzlei Jones Day angeheuert, um eine unabhängige externe Untersuchung der Diesel-Affäre durchzuführen.

Der Konzern hatte mit einer Software Abgaswerte von Diesel-Autos in den USA manipuliert. Weltweit sind 11 Millionen Autos betroffen - 2,8 Millionen davon in Deutschland. Laut Müller ist die Software nur in einem Teil der Wagen aktiviert. «Wir rechnen deshalb damit, dass die Zahl der tatsächlich betroffenen Fahrzeuge letztlich geringer sein wird.» Müller ist Nachfolger von Martin Winterkorn, der im Zuge des Skandals seinen Posten räumen musste. VW-Markenchef Herbert Diess wollte am Dienstagabend in Brüssel EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska über den Abgas-Skandal informieren.

Am Mittwochnachmittag steht nach dpa-Informationen erneut ein Krisentreffen des Aufsichtsrats-Präsidiums von VW an. Zum innersten Machtzirkel zählen Aufsichtsratschef Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Aufsichtsrat Wolfgang Porsche, Betriebsratschef Bernd Osterloh und dessen Stellvertreter Stephan Wolf.

Dem Gremium soll nach internen Ermittlungen ein erster Zwischenbericht vorgelegt werden. Demnach fiel die Entscheidung zum Einbau der manipulierten Software in Diesel-Fahrzeugen bereits in den Jahren 2005 und 2006, und zwar in der Motorenentwicklung in der VW-Zentrale in Wolfsburg.

Angesichts von Problemen auf dem US-Markt wollte Volkswagen mit Dieselwagen punkten. Die Vorgabe sei gewesen, die Autos trotz der schärferen Abgaswerte kostendeckend anzubieten, hieß es in Konzernkreisen. Die Einhaltung der Grenzwerte - zumindest auf dem Prüfstand - sei aber nur mit Hilfe der Manipulations-Software möglich gewesen.