TERRORANSCHLAAG

Verzweifelter Vater von Opfer sagt in Halle-Prozess aus

Alles an dem Mann, der in Magdeburg als Zeuge aussagt, strahlt Leid und Verzweiflung aus. Der Terroranschlag in Halle, bei dem sein Sohn erschossen wurde, hat sein Leben verändert.
dpa
Prozess zum Terroranschlag von Halle
Der Attentäter hatte am 09. Oktober 2019 am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur versucht, in der Synagoge in Halle ein Blutbad anzurichten. Foto: Ronny Hartmann/dpa-Zentralbild/dpa
Magdeburg.

Er erinnere sich noch genau an das letzte Telefonat mit seinem Sohn, sagt der 44 Jahre alte Gerüstbauer am Dienstag als Zeuge im Gerichtsprozess.

Er habe ihn gefragt, ob er in der Mittagspause einen Döner essen dürfe, obwohl die Mutter es verboten habe. „Okay”, habe er zu dem 20-Jährigen gesagt, „dann hol dir deinen Döner, aber das ist diese Woche der letzte.”

Der junge Mann, der mit einer geistigen Behinderung auf die Welt kam und sich mit langen Praktika eine gerade erst begonnene Maler-Lehre erarbeitete, geht in den Kiez-Döner in Halle. Es ist der 9. Oktober 2019. Kurz nach dem Telefonat wird der Imbiss von einem schwer bewaffneten Angreifer attackiert und beschossen. Viele Menschen können fliehen, der 20-Jährige wird getötet.

Zuvor hatte der Attentäter vergeblich versucht, in die nahe gelegene Synagoge einzudringen, in der mehr als 50 Gläubige den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur begingen. Direkt vor dem Gotteshaus erschoss der Mann eine 40 Jahre alte Passantin.

Seit Juli dieses Jahres arbeitet der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Sachsen-Anhalt die Geschehnisse juristisch auf. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 28 Jahre alten Angeklagten vor, „aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus einen Mordanschlag auf Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens” geplant zu haben. Der Deutsche hat die Taten gestanden.

Am zwölften Prozesstag am Dienstag sagte mit dem Vater des Maler-Azubis erstmals ein Angehöriger eines Todesopfers aus. Seine Stimme versagt regelmäßig, er bricht in Tränen aus, erst bewegen sich nur seine Füße im schnellen, nervösen Takt, später zittert der Mann am ganzen Körper.

Knapp zwanzig Minuten erzählt er in kurzen Sätzen von seinem Sohn. Sehr oft fällt der Satz: „Er war megastolz”. Stolz, dass er acht Jahre lang in der Schule gelernt habe, obwohl gar nicht klar gewesen sei, ob er das schaffe. Stolz, dass er sich mit vielen Praktika eine Lehre zum Maler erkämpft habe. „Das hat er sich alles allein aufgebaut”, erzählt sein Vater. Und stolz, dass er zur Fangemeinde des Drittligisten Hallescher FC gehörte, regelmäßig zu Spielen gehen durfte und seine Fan-Freunde bei Auswärtsspielen auf ihn aufpassten.

Der Sohn wohnte zuletzt bei der Mutter, die Eltern hatten sich vor zehn Jahren getrennt. Er habe eigentlich jeden Tag mit seinem Sohn telefoniert, viele Ausflüge mit ihm gemacht, erzählt der Vater. Doch am 9. Oktober ging der 20-Jährige nicht mehr ans Telefon, stundenlang nicht. Das habe nicht zu ihm gepasst.

Abends habe er dann bei Facebook eine Vermisstenanzeige eingestellt, berichtet der Zeuge. Ein Bekannter habe sich gemeldet und gesagt, er schicke ihm etwas: Es war das vom Täter aufgenommene Video vom Terroranschlag in Halle. Beim Anschauen habe er seinen Sohn erkannt, sagt der 44-Jährige und bricht in diesem Moment in so heftiges Schluchzen aus, das die Verhandlung vorübergehend unterbrochen werden muss.

Prozessbeteiligte lassen die Erzählungen des Vaters nicht unberührt. Mehrere Nebenklageanwälte halten sich schockiert die Hände vor das Gesicht und schütteln ungläubig mit dem Kopf. Der Angeklagte Stephan Balliet folgt den Ausführungen und blickt immer wieder zur Zeugenbank. Kurz darauf schildern zwei weitere Besucher der Synagoge, wie sie den Angriff und den Tattag erlebt haben.

Eine 60 Jahre alte US-Amerikanerin warnte vor der unterschätzten Gefahr von global vernetzten Rassisten. Der Attentäter sei nicht allein gewesen, sagt sie. „Er ist sehr wohl motiviert worden, ausgebildet, angefeuert und unterstützt worden.” Die Frau verweist auf die rassistische White-Supremacy-Bewegung (deutsch: weiße Vorherrschaft) aus den USA.

Sie wirft den Ermittlern vor, in Vorbereitung auf den Prozess nicht genügend über die Hintergründe und Netzwerke des Attentäters herausgefunden zu haben. Sie bewundere, was Europa nach Ende des Zweiten Weltkriegs geschafft habe, sagt die frühere Radiojournalistin, die unter anderem aus Österreich berichtete. „Ich befürchte, dass es jetzt vermasselt wird, weil man diese Gefahr nicht ernst nimmt”, bemerkt sie unter kurzem Applaus aus den Zuschauerreihen. Am Nachmittag sollten die beiden Besitzer des attackierten Döner-Imbisses aussagen.

© dpa-infocom, dpa:200915-99-572669/2

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