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Verzweiflung in Somalia nach Abzug der «Ärzte ohne Grenzen»

Verzweiflung in Somalia nach Abzug der «Ärzte ohne Grenzen»
Verzweiflung in Somalia nach Abzug der «Ärzte ohne Grenzen»
Stuart Price / Au-Un Ist Photo /

Die Ankündigung kommt völlig überraschend: Nach 22 Jahren schließt «Ärzte ohne Grenzen» alle Programme in Somalia. Die Bürger sind verzweifelt: In dem bettelarmen Land sind Kranke auf die kostenlose Versorgung angewiesen. Viele warten vor den verlassenen Kliniken.

Maryan Muse sitzt mit ihren vier Kindern vor dem Eingang der Jaziira-Klinik in Somalias Hauptstadt Mogadischu. Aber die Türen sind geschlossen. Sie hat Tränen in den Augen und Verzweiflung in der Stimme, als sie sagt: «Wer wird denn jetzt meiner Familie helfen?» Wie Hunderttausende ihrer Mitbürger war Maryan auf die kostenlose medizinische Versorgung von «Ärzte ohne Grenzen» (MSF) angewiesen. Aber wegen der immer größeren Gefahren in dem Krisenland hat die Organisation am vergangenen Mittwoch ihren Rückzug aus Somalia angekündigt.

«Die Schließung unserer Projekte ist die direkte Folge extrem brutaler Angriffe auf unsere Mitarbeiter», erklärte MSF-Präsident Unni Karunakara. Seit Beginn des Einsatzes vor 22 Jahren sind 16 Mitarbeiter ums Leben gekommen. Auch gab es immer wieder Entführungen. Der jüngste Fall war die Verschleppung von zwei Spanierinnen aus dem Flüchtlingscamp Dadaab in Kenia. Die beiden
Frauen wurden nach Somalia gebracht und kamen erst im Juli nach 21 Monaten Geiselhaft frei.

In dem von jahrzehntelangem Bürgerkrieg zerrütteten Land gibt es schon lange kein funktionierendes Gesundheitssystem mehr. Auch der neuen Regierung, die im vergangenen Jahr eingesetzt wurde, ist es bisher nicht gelungen, Frieden und Stabilität wiederherzustellen. Weiterhin terrorisiert die radikalislamische Al-Schabaab-Miliz vor allem im Süden die Bevölkerung. Zwar kämpft die AU-Friedenstruppe AMISOM zusammen mit somalischen Soldaten gegen die Gruppe und andere rivalisierende Warlords - jedoch bisher ohne durchschlagenden Erfolg.

Schon wenige Stunden nach der MSF-Ankündigung berichteten Augenzeugen bereits von Plünderungen in den Kliniken. Al-Schabaab-Rebellen rissen dabei sämtliche medizinische Geräte und andere Materialien an sich, die die Organisation zurückgelassen hatte.

«An einigen Orten wird es für die Bevölkerung überhaupt keine ärztliche Versorgung mehr geben, das ist leider eine Tatsache», räumte Karunakara ein. Für viele Somalier kommt das einem Todesurteil gleich.

Bereits heute sind UN-Angaben zufolge über 70 Prozent der Menschen unterernährt. Fast drei Viertel der zehn Millionen Einwohner leben in extremer Armut und verdienen weniger als 1,50 Euro am Tag. Eine private Behandlung oder den Kauf von Medikamenten können sie sich nicht leisten. MSF hatte seit 1991 nicht nur eine kostenfreie medizinische Grundversorgung angeboten, sondern auch mangelernährte Kinder und Schwangere behandelt, Patienten operiert und Impfungen organisiert.

«Mein Baby ist krank», klagt die dreifache Mutter Asho Du'alle. «Ich habe kein Geld für Medizin aus der Apotheke.» Sie hat sich in eine Schlange vor der Jaziira-Gesundheitsstation eingereiht, obwohl sie weiß, dass «Ärzte ohne Grenzen» die Türen nicht mehr öffnen wird. Ashos Beispiel zeigt, dass vor allem Kinder unter der fehlenden freien Krankenversorgung leiden werden. Bereits heute hat Somalia eine der höchsten Kindersterblichkeitsraten weltweit.

Auch die ehemaligen MSF-Mitarbeiter stehen der Entscheidung mit gemischten Gefühlen gegenüber. «Einige meiner Kollegen wurden getötet, verletzt oder entführt, um Lösegeld zu erpressen», sagt der Logistikarbeiter Ahmed Sheikh Osman. Wie 1500 andere Somalier, die zum Personal gehörten, steht er aber jetzt ohne Job da. Ein schwerer Schlag, da es nicht einfach ist, eine neue Anstellung zu finden. Mehr als die Hälfte aller Somalier ist arbeitslos. «Wir fordern die Weltmächte und internationale Organisationen auf, sich endlich mit Somalia zu beschäftigen und unserem Volk zu helfen», sagt er.

Die Regierung in Mogadischu ist sich ebenfalls bewusst, welch schwerwiegende Folgen der Abzug von «Ärzte ohne Grenzen» haben wird. Präsidentensprecher Abdirahman Omar Osman forderte die Verantwortlichen auf, den Schritt noch einmal zu überdenken. «Das ist genau das, was Al-Schabaab und Al-Kaida wollten, weil sie die Bürger jetzt noch mehr terrorisieren können», betonte er. Der Minister für den Öffentlichen Dienst, Maryan Qasim, fügte hinzu: «Wir befürchten, dass die Entscheidung eine katastrophale humanitäre Krise auslösen wird.»