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Porträt: Die mächtige IWF-Chefin Christine Lagarde

Porträt: Die mächtige IWF-Chefin Christine Lagarde
Porträt: Die mächtige IWF-Chefin Christine Lagarde
Julien Warnand

Der Internationale Währungsfonds (IWF), die Rettungsbehörde für finanziell angeschlagene Staaten, ist keine übermäßig aufregende Institution.

Im Hauptquartier in der US-Hauptstadt Washington werkeln vor allem Ökonomen, Juristen oder Politologen im starren Konstrukt fester Regularien vor sich hin. Doch das grau in grau endet ganz oben an der Spitze bei der Chefin. Christine Lagarde, Geschäftsführende Direktorin, ist das schillernde Aushängeschild des IWF, seine beste Werbefigur.

Die 59-jährige Französin tritt nicht nur elegant, charmant und sehr humorvoll auf. Sie zitiert nicht nur gern Literaturnobelpreisträger oder Philosophen und geht bei Staats- und Regierungschefs ein und aus. Sie ist auch im IWF selbst hoch geachtet als «Arbeitstier», als Boss mit einer ungewöhnlich tiefen Sach- und Aktenkenntnis. Disziplin und Fleiß scheinen das Geheimnis ihrer Durchsetzungskraft zu sein. Nicht umsonst nimmt sie das US-Magazin «Forbes» regelmäßig in die Liste der zehn mächtigsten Frauen der Welt auf.

Dass der IWF in die Griechenland-Krise verwickelt ist, hat er vor allem Deutschland zu verdanken, das auf seine Beteiligung beim ersten Hilfspaket 2010 großen Wert legte. Nun bekommt ausgerechnet der IWF am Dienstag als erster Gläubiger sein geliehenes Geld von Griechenland wohl nicht zurück. Für Lagarde ist dies eine schwierige Situation. Auf ihre Weise empört zeigte sie sich, als sie zu den komplizierten Verhandlungen mit Athen ironisch anmerkte, notwendig sei ein Dialog «mit Erwachsenen».

Lagarde verteidigt die Einsparungen im griechischen Staatshaushalt - freundlich im Ton, aber hart in der Sache. Denn für die Sonderorganisation der Vereinten Nationen gilt ein internationales Regelwerk: Der IWF darf die Einlagen der 188 Mitgliedsländer nicht verschleudern. Gleichzeitig hat Lagarde sich immer wieder - stärker als die Vertreter Europas - für einen Mix aus Sparmaßnahmen und Wachstumsimpulsen für Griechenland ausgesprochen. Am Sonntag bekräftigte sie, dass der IWF diesen Ansatz «mit den griechischen Autoritäten und unseren europäischen Partnern weiterverfolgen» wolle. In dem gegenwärtigen vergifteten Klima klang das schon wie ein Kompromissangebot.

Lagardes Selbstbewusstsein rührt aus einer Karriere, in der es nur aufwärts ging. Geboren wurde sie 1956 in Paris. Schon in der Jugend sammelte sie als Synchronschwimmerin Auszeichnungen. Seit einem USA-Aufenthalt als Schülerin spricht sie perfekt englisch. Nach ihrer Juristenausbildung machte sie international Karriere. Bevor sie 2005 in die französische Politik ging, leitete sie in Chicago mit Baker & McKenzie eine der weltgrößten Anwaltskanzleien.

Rund vier Jahre leitete Lagarde die französischen Ministerien für Wirtschaft und Finanzen. Sie musste mit den Auswüchsen der globalen Finanzkrise und den milliardenschweren Euro-Rettungsaktionen fertig werden - mit großem Erfolg, wie es heißt. In ihrer Heimat wird sie nicht nur von ihren konservativen Parteifreunden geschätzt. Lange galt sie als mögliche Kandidatin der Rechten im 2017 anstehenden Präsidentschaftswahlkampf.

Doch auf ihre Biografie ist auch ein Schatten gefallen. Lagarde ist noch immer juristisch verstrickt mit einer inzwischen gerichtlich annullierten Entscheidung aus ihrer Zeit als Ministerin unter Ex-Präsident Nicolas Sarkozy.

Ermittler verdächtigen sie, damals regelwidrig eine staatliche Entschädigungszahlung von rund 400 Millionen Euro an Bernard Tapie ermöglicht zu haben. Der Geschäftsmann, 2007 und 2011 Unterstützer von Sarkozys Wahlkämpfen, hatte sich von der früheren Staatsbank Crédit Lyonnais beim Verkauf seiner Anteile am Sportartikelhersteller Adidas geprellt gesehen und deswegen geklagt.

Mehrfach musste sich Lagarde in Paris stundenlangen Verhören unterziehen. Im vergangenen Jahr hat die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen wegen Fahrlässigkeit zu einem offiziellen Verfahren erweitert. Aus Lagardes Sicht sind die Vorwürfe «völlig unbegründet». Dennoch musste ihr das IWF-Direktorium schon mehrfach symbolisch das Vertrauen aussprechen.