Weil er Cannabis-Pflanzen auf seinem Balkon angebaut hat, stand jetzt ein 35-jähriger Neubrandenburger vor Gericht.
Weil er Cannabis-Pflanzen auf seinem Balkon angebaut hat, stand jetzt ein 35-jähriger Neubrandenburger vor Gericht. Patrick Pleul
Nicht nur Staatsanwältin, Verteidigerin und der Angeklagte warteten gespannt auf den Beginn der Verhandlung, sondern auch
Nicht nur Staatsanwältin, Verteidigerin und der Angeklagte warteten gespannt auf den Beginn der Verhandlung, sondern auch eine Schulklasse. Henning Stallmeyer
Drogen-Prozess

17 Cannabis-Pflanzen bringen 8 Monate Knast

Eine große Menge Marihuana fand die Polizei auf dem Balkon eines Neubrandenburgers, der seit seinem 16. Lebensjahr kifft. Nun stand der Mann wegen illegalen Drogenbesitzes vor Gericht.
Neubrandenburg

Nach einer guten halben Stunde bringt die Richterin es mit einer Frage auf den Punkt. „Wie soll es denn weitergehen mit Ihnen?“, fragt sie den Angeklagten streng über ihre Brille schauend. Der zuckt nur mit den Schultern und murmelt: „Weiß ich nicht.“

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Drogenbesitz zugegeben – nur für den Eigenbedarf?

Überhaupt weiß der 35-Jährige, der wegen illegalen Drogenbesitz auf der Anklagebank des Amtsgerichts in Neubrandenburg (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) sitzt, nicht besonders viel zu sagen. Auf die meisten Fragen antwortete er einsilbig. Ja, Drogen würde er besitzen. Aber nur um sie selbst zu nehmen, nicht um sie zu verkaufen, beteuert er.

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300 Gramm sichergestellt

17 Cannabispflanzen hatte die Polizei auf dem Balkon seiner Wohnung im Neubrandenburger Reitbahnviertel gefunden. Eine Gesamtmenge von über 300 Gramm Marihuana konnten die Beamten sicherstellen. Ganz schön viel, um es nur selbst zu konsumieren, konfrontiert die Staatsanwältin den in Pasewalk geborenen Angeklagten. „Ich wusste nicht, dass die so schnell wachsen“, behauptet dieser.

Täglich Drogen

Das Amtsgericht hatte es am Dienstagvormittag mit einem klassischen Fall von Drogenmissbrauch zu tun. Das gab der Angeklagte selbst zu. Seit dem 16. Lebensjahr konsumiere er Cannabis und das bis heute – ein bis zwei Gramm pro Tag. Als Grund gab er Stress an und seinen Tinnitus.

Lehre nie beendet

Woher der Stress rührt, wird im Prozess nicht aufgedeckt. Der 35-Jährige tut den ganzen Tag über nach eigenen Angaben nichts. Die Richterin will es genauer wissen: „Wie dürfen wir uns das vorstellen? Sitzen Sie auf der Couch und schauen Sie die Wand an?“ So ungefähr. Nur sei es meist der Fernseher und nicht die Wand, sagte der Angeklagte. Das gehe schon ziemlich lange so. Nach seinem Hauptschulabschluss fing er eine Lehre als Landschaftsgärtner an, brachte diese jedoch nie zu Ende – zu viele Fehlzeiten. Er sei oft krank gewesen und wurde schwerhörig, so der Neubrandenburger, der seitdem vom Sozialamt lebt.

Schüler im Publikum

Ein abschreckendes Beispiel für die rund 20 Schüler des Neubrandenburger Lessing-Gymnasiums, die den Prozess als Zuschauer beobachteten. Am „Tag der Justiz“ erlebten sie einen ganzen Tag im Amtsgericht, inklusive einer echten Verhandlung.

Immerhin glaubt das Gericht dem Angeklagten, dass er die Drogen nur für sich selbst anbaute. Dafür sprach, dass bei der Durchsuchung keine großen Bargeldsummen und auch keine Verpackungsutensilien gefunden wurden.

Mit dem Kiffen aufhören will der Angeklagte nicht

Doch die Eingangsfrage, wie es mit dem Beschuldigten nun weitergehen soll, ist immer noch offen. Denn richtig aufhören mit dem Gras rauchen, das will er auch nicht. Zwar habe er es immer wieder mal versucht, sei auch schon mal bei der Suchtberatung gewesen, aber so richtig was bringen würde das ja nicht, sagt der Angeklagte. Deshalb reagierte er auch nur wenig begeistert auf den Vorschlag der Richterin, es doch noch mal ernsthaft zu versuchen, mit dem Aufhören. Er konsumiere immer noch, nur anbauen tue er nicht mehr. Woher er aktuell sein Cannabis bezieht, will er lieber nicht sagen.

Pflichtverteidigerin plädiert für Geldstrafe

Für den illegalen Besitz von Drogen sieht das Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr vor. Wegen der schlechten Sozialprognose fordert die Staatsanwältin sogar 15 Monate Gefängnis. Die Pflichtverteidigerin hält das für überzogen und plädiert für eine Geldstrafe. Es sei eindeutig, dass ihr Mandant nur für sich anbaute und nicht wusste, dass die Pflanzen so schnell wachsen würden. Außerdem habe er sich sehr kooperativ verhalten.

Ohne Bewährung

Das Schöffengericht verkündet nach kurzer Bedenkzeit das Urteil: acht Monate Gefängnis ohne Bewährung. Auch weil der Angeklagte wegen eines Diebstahls schon vorbestraft ist. Bei einer Bewährungsstrafe sei die Chance hoch, dass er in alte Muster verfalle, einfach weiter konsumiere und damit wieder eine Straftat begehe. Gegen das Urteil kann der 35-Jährige noch Revision einlegen oder in Berufung gehen.

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