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Bislang verfügte Neubrandenburg – landesweit einmalig – über eine Modellambulanz für Asylsuchende im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums. Für eine Fortführung dieses Angebots fanden sich nicht genug Ärzte. Mirko Hertrich
Modellambulanz

400 Asylsuchende brauchen einen neuen Hausarzt

Wegen Ärztemangels ist die zentrale Behandlung von Asylbewerbern ausgelaufen. Rein rechnerisch müsste jede Neubrandenburger Hausarztpraxis etwa zehn neue Patienten aufnehmen.
Neubrandenburg

Die hausärztliche Betreuung von rund 400 Asylsuchenden in einer landesweit einzigartigen Modellambulanz in Neubrandenburg ist zum Jahresbeginn ausgelaufen. Bis Ende 2022 wurden die Asylsuchenden in der Vier-Tore-Stadt zentral am Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) der Poliklinik am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum behandelt. Wie in den anderen Städten des Landes müssen oder können die Asylsuchenden jetzt frei ihren Hausarzt wählen – was bei dem Ärztemangel in der Stadt allerdings kein leichtes Unterfangen ist.

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Der Start verlief offenbar etwas holprig und viele Patienten suchten noch das MVZ auf. Wie das Bonhoeffer-Klinikum dem Nordkurier auf Anfrage mitteilte, ist ein Wachschutz seit dem 2.  Januar in dem Gebäude am Friedrich-Engels-Ring präsent.

Wachschutz teilt Ärzte-Übersicht aus

Die Zahl der Asylsuchenden, die trotz der zeitnahen Information im vergangenen Jahr seitens der Praxismitarbeiter, weiter in die Sprechstunde kommen wollten, reduziere sich täglich, hieß es. Die Mitarbeiter des Wachschutz-Unternehmens würden die Patienten im Foyer der Praxis über das Ende der Asylsprechstunde informieren, „um den Praxisablauf der anderen Ärzte nicht zu beeinträchtigen“. Sie händigten bei Bedarf den Flyer mit Kontaktdaten aller Hausärzte der Umgebung aus. Bislang seien alle Patienten einsichtig gewesen und es habe keine Zwischenfälle gegeben, teilte eine Sprecherin mit. Natürlich werde auch das MVZ einen Anteil an Asylsuchenden weiter behandeln.

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Die Modellpraxis, die während der Flüchtlingskrise 2015/16 zunächst in Fünfeichen und dann am Markscheiderweg in der Oststadt ihren Sitz hatte, kann wegen eines Mangels an Ärzten nicht weitergeführt werden. Die auf zwei Jahre befristete sogenannte Institutsvereinbarung von MVZ mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte lief aus.

Für Weiterführung nicht genügend Ärzte gefunden

Die Leiterin des Kreis-Gesundheitsamtes, Cornelia Ruhnau, sagte dem Nordkurier, das MVZ habe schon im Sommer vergangenen Jahres über den Schritt informiert. Sie zeigte sich „ein bisschen traurig“, dass das vom Kreis initiierte Projekt nicht fortgeführt werden kann. Das Klinikum habe mitgeteilt, dass sich trotz Suche keine Ärzte finden würden, welche die Asylsuchenden zusätzlich betreuen könnten. Ruhnau geht aber davon aus, dass die zusätzliche Zahl an Menschen, die in Neubrandenburg nach einem Hausarzt suchen, „sich verlaufen“ werde.

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Matthias Träger, Neubrandenburger Orthopäde und Vorsitzender der Kreisstelle der KV, hatte noch vergeblich versucht, ausreichend Ärzte zu finden, die freiwillig die Modellambulanz fortführen. Wie der Mediziner dem Nordkurier sagte, hatten sich nur ein Chirurg, ein Orthopäde und „einige Rentner“ gemeldet. Es brauche aber mindestens acht bis zehn Ärzte, weil die Arbeit neben der eigentlichen Tätigkeit gemacht werde.

Behandlung von Asylbewerbern meist aufwendiger

Nach den Rückmeldungen, welche die KV im Kreis bekommt, würden einige Hausärzte die Migranten behandeln, die jetzt zusätzlich zu ihnen kämen. Auch habe er bislang keine Hinweise, dass mehr Migranten den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst aufsuchen, sagte Matthias Träger. Er gibt gleichzeitig zu bedenken, dass Asylsuchende kein „einfaches Patientengut“ seien. Ihre Behandlung nehme mehr Zeit in Anspruch, da man oft einen Dolmetscher brauche oder eine Übersetzungshilfe mit dem Mobiltelefon. Viele Krankheitsprobleme seien auch psychisch bedingt, etwa durch Traumata im Krieg oder auf der Flucht.

Der Sozialdezernent des Kreises, Michael Löffler, sagte dem Nordkurier, Asylsuchende würden bei der Suche nach einem Hausarzt oft abgewiesen. Es sei bereits auf Landesebene angezeigt worden, dass der Kreis in der ärztlichen Versorgung auf eine „spannende Situation“ zulaufe.

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