SEX-ARBEIT IN DER CORONA-KRISE

400 Prostituierte in MV dürfen weiter nicht arbeiten

Wegen der Ansteckungsgefahr in der Corona-Krise dürfen die Prostituierten im Land nicht arbeiten. Staatliche Hilfe bekommt aber längst nicht jede.
Die Prostituierten in Mecklenburg-Vorpommern leiden unter dem Berufsverbot. Viele bekommen keine staatliche Hilfe.
Die Prostituierten in Mecklenburg-Vorpommern leiden unter dem Berufsverbot. Viele bekommen keine staatliche Hilfe. Oliver Berg
Seenplatte ·

Für die einen ist die Corona-Krise ein lästiges Ärgernis, für die anderen ist sie ein riesiges Problem. Rund 400 amtlich gemeldete Sexarbeiterinnen verdienen in Mecklenburg-Vorpommern ihren Lebensunterhalt mit Prostitution. Niemand weiß, wie viele es wirklich sind. Seit Monaten dürfen sie nicht arbeiten.

Staatliche Soforthilfe wie in anderen Branchen gibt es nicht für jede von ihnen. Nur wer nach dem Prostituiertenschutzgesetz angemeldet und beim Finanzamt registriert ist, kann Hilfen beantragen. Schätzungen zufolge fällt jede Zweite durchs Raster. Betroffene gibt es in jeder Stadt in Mecklenburg und Vorpommern, von Anklam bis Neustrelitz, von Teterow bis Waren, wie Charlie Hansen vom Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen bestätigt.

Sie arbeiten zumeist unauffällig im Verborgenen, sind nur Insidern bekannt. Ihre Arbeitsplätze sind keine Bordelle und auch kein Straßenstrich wie in Großstädten, sondern herkömmliche Mietwohnungen, die sich oft mehrere Damen teilen. „Ihre Lage ist absolut prekär“, sagt Charlie Hansen, die selbst in der Prostitution tätig ist. „Fast alle sind solo-selbstständig. Unterstützungsgelder gibt es für die meisten nicht. Manche bekommen Hartz IV, andere gar nichts. Die Verordnungen sind intransparent und chaotisch“, berichtet sie.

Mehr erotische Leistungen per Chat oder Video

Die meisten Prostituierten in Mecklenburg-Vorpommern hätten ausländische Wurzeln, stammten aus Bulgarien, Ungarn oder Polen. „Sie konnten nicht einmal nach Hause fahren, weil die Grenzen von einem Tag auf den anderen komplett dicht waren.“ Ihr Verband habe eine Spendenaktion gestartet, bei der finanziell besser gestellte Freudenmädchen für ihre in Not geratenen Kolleginnen spenden. „Die Spendenbereitschaft ist zum Glück sehr hoch. Wir freuen uns über jeden Cent.“ Nicht jede Sexarbeiterin werde die Krise überstehen. „Gerade die kleinen, gut geführten Betriebe werden nicht lange durchhalten. Viele geben auf. Die Vielfalt wird abnehmen“, befürchtet Charlie Hansen. Heimlich arbeiten sei viel zu riskant, sowohl aus gesundheitlichen als auch aus finanziellen Gründen.

Frauen, die sich nicht ans Berufsverbot halten, müssen mit empfindlichen Strafen rechnen. „Die Bußgelder sind hoch, bis zu 5000 Euro“, sagt Charlie Hansen. Die Landkreise und die Polizei kontrollieren laut Polizeisprecherin Nicole Buchfink regelmäßig, ob es Verstöße gibt. „Hier liegen keine Erkenntnisse vor, dass Prostituierte gegen die Corona-Verordnung verstoßen“, sagte die Polizistin. Auf den einschlägigen Portalen werde darauf hingewiesen, dass für die Anbieterinnen der körpernahen Dienstleistungen derzeit ein Arbeitsverbot besteht. Aktuelle Inserate seien nicht zu verzeichnen. Stattdessen würden vermehrt Leistungen per Chat oder Video angeboten.

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales unterstützt die Prostituierten so gut wie möglich. „Die Kolleginnen sind während der Corona-Pandemie für Sexarbeiterinnen telefonisch oder per E-Mail erreichbar“, so Sprecherin Anja Neutzling. Auch für Solo-Selbstständige gebe es Möglichkeiten der Unterstützung, zum Beispiel die vereinfachte Grundsicherung bei der Agentur für Arbeit. Diese könne jedoch nur dann beantragt werden, wenn das Einkommen schon vor dem März sehr gering war.

Informationen für Betroffene gibt es beim Landesförderinstitut.

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