Uwe Jorzik auf seiner „Eichstrecke“ in Neubrandenburg, da geht es um jeden Zentimeter.
Uwe Jorzik auf seiner „Eichstrecke“ in Neubrandenburg, da geht es um jeden Zentimeter. Roland Gutsch
Der Jones-Counter am Radlenker.
Der Jones-Counter am Radlenker. Roland Gutsch
Markierungspunkt: Wichtig für den Laufstrecken-Vermesser.
Markierungspunkt: Wichtig für den Laufstrecken-Vermesser. Roland Gutsch
Lauf

42,195 Kilometer! Experte misst Marathonstrecken ganz genau ab

Kaum einer im Land kennt die Laufstrecken besser als er –der Neubrandenburger Uwe Jorzik hat sie mit Akkuratesse und manchmal auch mit Polizeibegleitung vermessen.
Neubrandenburg

Uwe Jorzik ist glücklicherweise ein ganz Genauer. Und ein leidenschaftlicher Läufer auch. Da kommen zwei Dinge zusammen, die ihn für dieses Ehrenamt prädestinieren: Jorzik, der Routinier vom SV Turbine Neubrandenburg im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, ist nämlich ein lizenzierter Vermesser von Laufstrecken. Als solcher ein wichtiger und anerkannter Mann in der Szene der Renner, Jogger und Walker, denen es bekanntlich um jeden (Zenti)-Meter geht. Mit seinen gut zweieinhalb Jahrzehnten Erfahrung gilt er als alter Hase in diesem kniffligen Metier.

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Auch in anderen Bundesländern geholfen

Der 74-Jährige kann von sich behaupten, in ganz Mecklenburg-Vorpommern seine Marken gesetzt zu haben. „Bei allen wesentlichen Läufen, die es hier gibt und gab, habe ich die Strecken vermessen. Rostock-Marathon, Darß-Marathon, erster Rügenbrückenlauf und viele weitere. Auch in anderen Bundesländern habe ich geholfen“, sagt der Neubrandenburger. Stress? „Aber auch Spaß, sonst hätte ich es nicht gemacht.“ Mehrfach wurde Uwe Jorzik ausgezeichnet. Viel Aufhebens darum zu machen – nicht die Art des ruhigen Typs mit dem prägnanten weißen Bart.

Mit dem Tollenselauf fing es an

Eine Veranstaltung liegt ihm speziell am Herzen: Der Tollenseseelauf, organisiert von seinem SV Turbine, mittlerweile ein Traditionsrennen. „Das war der erste Lauf überhaupt, dessen Strecken ich vermessen habe. Damit fing es an“, so Jorzik. In wenigen Tagen, exakt am 11. Juni, wird der „Härteste im Norden“ die 30. Auflage haben. „Ich hoffe, dass es nach zwei Jahren Corona-Zwangspause wieder eine gute Resonanz gibt. Die Anmeldung läuft.“

Übergabe an Nachfolger

Im Vorfeld ist Vermesser Jorzik gefragt, im Hinblick auf die 10-Kilometer-Konkurrenz. Die wird nämlich diesmal als Wendepunktlauf absolviert, etwas Neues. Für Jorzik auch aus einem anderen Grund von Besonderheit: Es handelt sich um die letzte Lauf-Vermessung, die er vornimmt. „Ich habe schon länger angekündigt, dass ich, ehe ich 75 werde, aufhöre. Nun ist der Zeitpunkt gekommen.“ Im September steht der bewusste halbrunde Geburtstag an. Nachfolger Olaf Henkel ist längst eingearbeitet.

Ehrgeiz entwickelt

Als Laufsportler nennt sich Uwe Jorzik einen „Spätstarter" – denn er "fing als 43-Jähriger mit dem Laufen an, damals eher aus gesundheitlichen Gründen“. Bald packte ihn der Trainingsehrgeiz. Die Sache entwickelte sich auch wettkampfmäßig, in Richtung Marathon. Und seine Frau Anneliese, die zunächst Zaungast war, begab sich ebenfalls auf Achse. „Sie sagte sich irgendwann: ,Was die, die da hinten laufen, können, das kann ich auch‘“ und widmete sich vorrangig kürzeren Rennen.

Reisen und Rennen kombiniert

Das Paar kombinierte zwei Hobbys: Reisen und Rennen. Auf diese Weise sahen sich die Jorziks die Welt an, gewannen Eindrücke und Freunde. „Wir waren sehr viel unterwegs, auf allen Kontinenten, mal abgesehen von der Antarktis“, erzählt Uwe Jorzik. In Deutschland hat er „sowieso alle großen Läufe“ mitgenommen. Seine Marathon-Bestzeit – knapp unter 3:10 Stunden.

Vermessen – das ist eine Wissenschaft für sich

1996 war es, da kam beim SV Turbine der Wunsch auf, die Strecken-Vermessung bei den eigenen Wettbewerben auf eine offizielle Ebene zu bringen. „Das darf ja nicht jeder“, sagt Uwe Jorzik, der sich seinerzeit zur Verfügung stellte und einen Lehrgang absolvierte, den der Deutsche Leichtathletik-Verband initiierte. Von den fünf Kurs-Teilnehmern schickten zwei eine Strecken-Berechnung und ein Vermessungsprotokoll, was als Prüfungsarbeit galt, ein. Einer davon: Jorzik.

Wenn er von der Mess-Materie berichtet, ist Uwe Jorzik in seinem Element. Eine kleine Wissenschaft. „Die Zeiten, in denen Strecken mit dem Handrad erfasst wurden, sind lange vorbei“, zeigt er auf den sogenannten „Jones-Counter“. Apparaturen an Vorderachse und Lenker seines Fahrrads. Bevor dieses Gerät zur Vermessung genutzt werden darf, muss es geeicht sein. Uwe Jorzik hat dazu in der Neubrandenburger Schillerstraße seine „Eichstrecke“ zwischen zwei Markierungspunkten. Die fährt er fünf Mal ab. Aus den Differenzen wird der Mittelwert berechnet – Basis für den Kilometer-Wert, Grundlage der Vermessung.

Mit Polizeibegleitung

Dann, bei den eigentlichen Messfahrten, kann es durchaus abenteuerlich werden. „Um die Idealstrecke für Straßenläufe zu ermitteln, muss man Kurven schneiden. Im normalen Verkehr ein No-Go, hier notwendig. Den effektivsten Laufweg hält man manchmal nur auf der Gegenfahrbahn ein. In Städten war ich darum öfter in Polizeibegleitung unterwegs“, so Jorzik. In Rostock sei er einmal eine ganze Nacht zugange gewesen, bis um 7 Uhr, um es weniger mit dem Straßenverkehr zu tun zu bekommen. Auch hier heißt es: Jede Strecke zwei Mal vermessen. Die Faustregel: Die kürzere Strecke gilt. Aber: Damit sie nicht zu kurz ausfällt, wird ein Tausendstel draufgeschlagen.

Statt Wettkampf nun Genussläufe

„Wenn die Leute nach dem Wettkampf sagen, die Strecke sei zu lang gewesen, ist das immer ein gutes Zeichen. Die laufen ja ohnehin nie den knappsten Weg lang“, lächelt Uwe Jorzik. Er, der abertausende Kilometer in den Beinen hat, wird es wissen.

Den Marathon beim Tollenseseelauf kennt er als Vermesser aus dem Effeff, jeden Winkel. Als Läufer hat er den anspruchsvollen langen Kanten – da im Organisationsteam gefordert – nicht kennengelernt. Wird das im kommenden Jahr nachgeholt? „Nein. Wettkampf-Marathon mache ich schon seit 2015 nicht mehr“, erklärt Uwe Jorzik. „Das Alter.“ Bei ihm stehen nun Genussläufe hoch im Kurs. Der Name ist Programm: Beim Marathon du Cognac in Frankreich gibt’s ’nen Lütten zwischendurch. Wer den Weinstraßen-Marathon gewählt hat, darf mit einer „Verkostung“ bei der Getränkeversorgung rechnen.

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