Im Neubrandenburger Marktplatzcenter ist es immer mal wieder zu Streitereien zwischen Migranten gekommen, bei denen sich auch
Im Neubrandenburger Marktplatzcenter ist es immer mal wieder zu Streitereien zwischen Migranten gekommen, bei denen sich auch die Polizei einmischen musste. Simone Schamann
Gerichtsbericht

Abschiebung droht – Prozess um Schlägerei in Neubrandenburg

Nach fast drei Jahren sollte ein Richter über eine Schlägerei in einem Neubrandenburger Einkaufszentrum entscheiden. Der Prozess gegen einen jungen Iraker gestaltet sich schwierig.
Neubrandenburg

Die Zeugin ist nicht zu beneiden. Nach 32 Monaten soll die 33-Jährige noch genau wissen, was sie damals am frühen Abend des 11. Februar 2019 beobachten musste. Eigentlich fast unmöglich. Immerhin aber erinnert sie sich noch daran, dass in einer größeren Gruppe junger Männer, die sich im Neubrandenburger Marktplatzcenter versammelte, wie aus heiterem Himmel eine Schlägerei ausbrach.

Wer war Täter? Wer war Opfer?

„Einer ging dabei zu Boden”, sagt sie. „Südländer” seien das wohl alle gewesen, aber ob der junge Mann von der Anklagebank dabei war, kann sie beim besten Willen nicht mehr sagen. Irgendwie, zuckt sie mit den Schultern, würden die doch alle gleich aussehen.

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Der 21-jährige Angeklagte, der 2015 aus dem Irak flüchtete, in München strandete und wenig später nach Neubrandenburg geschickt wurde, benötigt den Dolmetscher nicht, der an seiner Seite sitzt. Er versteht auch so, was die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft. Gemeinsam mit einem Freund soll er seinerzeit im Marktplatzcenter einen anderen mit Fausthieben traktiert und, als der zu Boden ging, auch noch getreten haben. „Keine Schläge”, wehrt der sich gegen den Vorwurf. Umgerissen ja, mehr aber auch nicht. Und überhaupt, er hatte Angst. Angst, dass der ihn und seinen Bekannten wieder mit Pfefferspray traktiert – wie vier Wochen zuvor auch schon.

Besonders schwere Vorwürfe

Körperverletzung, wirft ihm die Anklage vor und die Staatsanwaltschaft betont sogar ein besonderes öffentliches Interesse an der Strafverfolgung. Das liegt in aller Regel nur dann vor, wenn der sogenannte Rechtsfrieden über den Lebenskreis des Verletzen hinaus gestört und die Strafverfolgung ein Anliegen der Allgemeinheit ist. Wegen des Ausmaßes der Rechtsverletzung, wegen der Rohheit oder Gefährlichkeit der Tat, der rassistischen, fremdenfeindlichen oder sonstigen menschenverachtenden Beweggründe des Täters oder der Stellung des Verletzten im öffentlichen Leben.

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Was davon mag bei der „Klopperei” im Center zutreffen? Vielleicht fährt die Staatsanwaltschaft das schwere Geschütz auf, weil es gerade dort seinerzeit vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen Migranten gekommen war und solches immer wieder zum Stadtgespräch in Neubrandenburg wurde. Immerhin, Zahlen wie diese machten nachdenklich: Der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger in Mecklenburg-Vorpommern betrug in diesem Jahr 2019 knapp 18 Prozent. Allerdings wurde dabei in den einem großen Teil der Fälle gegen die rund 7800 Tatverdächtigen wegen Verstößen gegen das Aufenthalts- und Asylgesetz ermittelt.

Es droht eine Abschiebung

Der junge Mann, der nach der Schule seine Lehre als Altenpfleger abbrach, danach auf dem Bau schuftete und seit ein paar Wochen bei einem großen Versandhandel in Neubrandenburg jede Nacht Pakte sortiert, versteht trotz seiner guten Deutschkenntnisse die ganze Aufregung nicht so richtig. Nach so langer Zeit muss er sich dafür noch verantworten? Für ihn hängt da eine Menge dran, sollte er verurteilt werden, muss Richter Schwertfeger das der Ausländerbehörde mitteilen. Und die kann dann, wenn es ganz blöd läuft, den Status als anerkannter Flüchtling ändern. Vielleicht muss er dann zurück in die fremd gewordene Heimat? Zähneklappern jetzt, damit hat er nicht mehr gerechnet. Denn die Angelegenheit war doch nach seinem Verständnis längst bereinigt, sein Vater und die Eltern seines Freundes hätten sich mit den Eltern des Opfers seinerzeit getroffen und bei einem Friedensrichter der irakischen Gemeinschaft in der Vier-Tore-Stadt alles geklärt.

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Zeugen verwechselt

Richter Schwertfeger will jetzt das Opfer von damals als Zeugen hören, indes, der schwänzt die Veranstaltung. Die Polizei wird um Amtshilfe ersucht, die sollen den aus der Wohnung holen. Da ist der auch nicht, aber der Richter weiß, wo der fehlende Zeuge zu finden ist, in der Schule wohl. Richter Schwertfeger kennt den aus einem anderen Prozess, da saß der als Beschuldigter vor ihm. Die Polizei holt den jungen Mann aus dem Unterricht, der weiß gar nicht, was ihm geschieht – denn er ist der Falsche. Gesucht war sein älterer Bruder und der Richter ist jetzt zerknirscht, er hat die beiden verwechselt.

Und jetzt? Alles aufschieben und irgendwann wieder mit der Verhandlung starten? Kollektives Kopfschütteln. Das Verfahren wird vorläufig eingestellt, der junge Mann soll 600 Euro an einen Verein zahlen, der sich um schwerkranke Kinder im Klinikum kümmert. Hat er das gemacht, gilt die Sache als erledigt und die Ausländerbehörde muss nicht aktiv werden.

 

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