Suizid-Prävention

Als Bruno genau wusste, dass er keinen Bock hat zu sterben

Der 21-jährige Bruno weiß, wie es sich anfühlt, nicht mehr leben zu wollen. Was ihn so sicher macht, das überwunden zu haben, erzählte er dem Nordkurier.
Bruno En-Nida fühlt sich heute „glücklich, mit allem Stress und allen Problemen”.
Bruno En-Nida fühlt sich heute „glücklich, mit allem Stress und allen Problemen”. Susanne Schulz
Neubrandenburg

Bruno hat große Träume. Selbstbewusstsein hat er auch. Und jede Menge Energie. Wer dem 21-Jährigen begegnet, kann sich kaum vorstellen, dass es mal eine Zeit gab, als das nicht so war. Keine Träume, kein Selbstbewusstsein, keine Energie. Dafür Ängste ohne Ende, ganz konkrete und ganz diffuse. Und das Gefühl, nicht mehr leben zu können und zu wollen.

„Das passiert mir nie wieder“, sagt Bruno entschlossen. Was nicht heißt, dass er keine Ängste mehr kennt – aber er habe gelernt, damit zu leben. Er hat auch keine Angst, über die schwärzesten Zeiten in seinem Leben zu sprechen. Am Freitag wird er beim Neubrandenburger Aktionstag zum Welttag der Suizidprävention an einer Podiumsdiskussion teilnehmen, um von seinen Erfahrungen zu berichten.

„Ich habe ein Upgrade bekommen“, sagt er heute

Seit 2014 lebt Bruno in Neubrandenburg. Bis dahin war er in der Uckermark aufgewachsen. Seit seinem neunten Lebensjahr vor allem im Heim und in Pflegefamilie, weil seine Mutter sich wegen einer psychischen Krankheit nicht mehr um ihn kümmern konnte. Doch in ländlicher Gegend fühlte sich der Junge nicht wohl, hatte „keinen Bock“ auf Schule und Pflichten, wollte lieber in einer größeren Stadt leben, „meckerte rum“, wie er bekennt. Schließlich habe ihm das Jugendamt eine letzte Chance gegeben: in einer Wohngemeinschaft auf dem Neubrandenburger Datzeberg. „Mit einem Riesenausblick und jeder Menge Licht“, schwärmt er.

Doch zum Ende aller Probleme führte der Umzug nicht: In der Schule sei er gemobbt worden, erzählt der – heute drei Köpfe größere – Bruno. Und in der Freizeit habe er sich auf „Kontakte“ eingelassen, die ihm nicht gut taten. Irgendwann habe er dann Drogen konsumiert. Rausch und Realitätsverlust allerdings seien ihm unangenehm gewesen und hätten seine Ängste befeuert – zum Beispiel die, genau wie seine Mutter psychisch krank zu sein.

Traum von Musik-Karriere

Auf Messers Schneide stand sein Leben nach einer Hirnblutung, nach der er einige Zeit im Koma lag. Begleitet von einer „Unmenge Medikamenten und Therapien“, musste er alles neu lernen, kämpfte sich aus 80-prozentiger Behinderung zu immer mehr Normalität zurück. „Ich habe ein Upgrade bekommen“, sagt er heute.

Dieses existenzielle Erlebnis und auch psychotherapeutische Unterstützung brachten eine Wende in sein Leben: Ihm sei klar geworden, „dass ich keinen Bock hab’ zu sterben“. Seitdem gehe es aufwärts: Bruno beendete die Schule und begann eine Lehre zum Hauswirtschaftler. Um erst mal ein Standbein zu haben, während er davon träumt, Schauspieler, Synchronsprecher und/oder Musiker zu werden. In seiner kleinen Wohnung hat er sich ein Musik- und Tonstudio eingerichtet, wo er Beiträge für seinen YouTube-Kanal unter dem Pseudonym Barow produziert. „Ich habe extrem viel Motivation, und da ziehe ich auch gern Leute mit“, sagt er.

Die Ängste, die Suizidgedanken, die psychischen Probleme habe er bezwungen, ist der 21-Jährige überzeugt. Sein „Trick“ sei, mit der Angst zu leben, statt sich vor ihr zu fürchten: Früher habe er sich selbst alles schwerer gemacht, weil „Angst vor der Angst“ ihn lähmte. Doch er habe gelernt, glücklich zu sein mit allem, was er erlebe – auch mit Stress und Problemen.

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Bei Suizid-Gedanken oder Depressionen

Falls Ihre eigenen Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, sprechen Sie mit anderen Menschen darüber! Es gibt zahlreiche, auch anonyme Hilfsangebote. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Der Anruf ist kostenlos und taucht nicht in der Telefonrechnung auf.

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Kommentare (1)

...bei sich feststellt, ich habe noch gar nicht gelebt und noch realistische Wünsche, dann geht es aufwärts. Es gibt einen Unterschied zwischen gelebt werden (u.a. von Ängsten, Drogen oder vereinnahmenden Personen im pers. Umfeld) und selbständig sein Leben zu gestalten.