„An der Ostsee kann ich wieder atmen”, sagt Kai Matschullis, der in den 90er-Jahren aus Neubrandenburg weggezogen
„An der Ostsee kann ich wieder atmen”, sagt Kai Matschullis, der in den 90er-Jahren aus Neubrandenburg weggezogen ist. privat
Heimweh

„An der Ostsee kann ich wieder atmen”

Als Soldat ist Kai Matschullis aus Neubrandenburg kreuz und quer durch Deutschland gekommen. Doch die Ostsee zieht ihn immer wieder in die alte Heimat zurück. Irgendwann will er auch wieder im Norden leben.
Neubrandenburg

Es dauert immer meist eine Stunde, doch dann hat er das Gefühl, dass er wirklich angekommen ist. “Dann kann ich wieder atmen”, sagt Kai Matschullis. Mindestens einmal im Jahr muss er an der Ostsee sein. Am Wasser stehen und in die Ferne blicken, die salzige Luft in der Nase spüren – das braucht er, seit dem er damals fortgezogen ist.

Matschullis (Jahrgang 1973) ist am Lindenberg in Neubrandenburg groß geworden. “Ich hatte eine super Kindheit am Tollensesee, bei Dynamo Neubrandenburg und bei vielen Besuchen des Teterower Bergringrennens”, sagt er. Seine Schulzeit beendete er am Musikgymnasium in Demmin, danach ging er zur Bundeswehr – und ist dort bis heute geblieben. Den Grundwehrdienst konnte er noch zu Hause in Neubrandenburg absolvieren, doch nachdem er sich verpflichtet hatte, ging es für ihn kreuz und quer durch die Republik und ins Ausland.

Mitte der 90er-Jahre war Koblenz die erste Station des jungen Soldaten außerhalb der Heimat. “Die Stadt war immens groß, das Leben ultraschnell”, erinnert er sich. “Das hat mich zuerst überrannt.” Dennoch sei er gut angekommen, wobei ihm auch die Bundeswehr geholfen habe. Denn überall, wo er war, traf er immer auch auch andere Menschen, die neu in der Gegend waren. In der Truppe kämen Leute aus allen Ecken des Landes zusammen, wodurch er auch nie mit Vorurteilen kämpfen musste.

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In Torgelow oder Eggesin hätte er weniger Geld verdient

Ein Spruch fällt ihm dann aber doch ein: “Du sächselst ja gar nicht.” Manchmal musste er den Leuten erklären, dass er aus dem Norden kommt, und dass auch dieser Norden zum Osten dazu gehört. Dass er in den Westen gegangen ist, sei damals vor allem eine pragmatische Entscheidung gewesen. Denn dort bekam er sofort volles Gehalt. In Torgelow oder Eggesin, so war das damals, wären es nur 73 Prozent davon gewesen.

Nach Koblenz ging es dann weiter nach Sandhofen, Faßberg, Dresden, Bonn, Köln, sowie in den Kosovo und nach Italien. Heute lebt er mit seiner Frau und ihrem gemeinsamen Sohn in einem kleinen Ort in der Eifel. “Direkt an einer Talsperre”, sagt er. Ein bisschen Wasser muss für den Mecklenburger in der Nähe sein, doch ein Vergleich mit der Heimat sei das noch lange nicht. “Ich gucke hier auf Hügel, Berge, Schornsteine und Fabriken”, sagt er. Was er nicht sehen kann, und was ihm deswegen so sehr fehlt, das ist die Weite. Große Felder, ewige Landstraßen, keine Menschen, dafür Ruhe. “Unbeschreiblich schön.”

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“Wenn ich durch die Stadt laufe, dann fallen mir wieder alte Bilder ein.”

All das kann er schon sehen, wenn er auf der A20 nach Norden fährt. Nach Neubrandenburg kommt er zurück, um seine Mutter oder seine Schwester zu besuchen. Manchmal erschreckt er sich, wenn sich schon wieder etwas verändert hat. Er meint das positiv: “Man sieht, dass etwas passiert.” Die Innenstadt habe sich gut entwickelt, die Marienkirche komme wieder gut zur Geltung und er ist froh, dass der Kulturfinger noch steht. “Wenn ich durch die Stadt laufe, dann fallen mir wieder alte Bilder ein. Das mag ich.”

Auf einem der Heimatbesuche hat er sich auch ein Souvenir für seinen Schreibtisch mitgebracht: Einen Wimpel mit dem Wappen von Neubrandenburg. Ansonsten verbindet ihn der “beste Club der Welt” mit seiner alten Heimat: Hansa Rostock. “Das war irgendwann einfach da”, sagt er. Er verfolgt alle Spiele im Fernsehen und wenn er eins verpasst, dann schaut er die Aufzeichnung. Als er einmal einen der vielen blau-weißen Hansasticker in Köln sah, musste er grinsen: “Okay Jungs, ihr wart auch schon hier.”

Seiner Frau will er die ganze Ostsee zeigen

Dass Liebe auch ansteckend sein kann, sieht man an seinem Unterarm: Seine Frau, sein Sohn und er tragen das gleiche Familientattoo. Es zeigt einen Anker und es ist kein Zufall, dass es ein maritimes Motiv geworden ist. Seiner Frau hatte er einmal versprochen, dass er ihr die ganze Ostsee zeigen will. Den Plan haben sie inzwischen abgehakt, denn mit dem deutschen Teil sind sie fertig. In acht oder neun Jahren, wenn er in Rente geht, würde Matschullis gerne ans Meer ziehen. Seine Frau, sie kommt aus Essen, würde sofort mitkommen, sagt er. Auch Sohnemann habe das Meer inzwischen lieben gelernt.

Doch ob es für den Ruhestand wirklich Rerik oder Rügen sein soll, da ist er sich heute noch nicht ganz sicher. In Travemünde sei es genau so schön. Hauptsache es gibt keinen Lärm, es ist etwas abgeschieden und nicht so eng – dann kann er durchatmen.

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