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„Anfangs traut man sich kaum, Zeugen zu befragen“

Wenn Jugendliche straffällig geworden sind, bekommen sie es auch mit Egbert Neumann zu tun. Er ist Jugendschöffe.  FOTO:H. Sommer

VonHeike SommerEgbert Neumann kennt seine Pappenheimer. Er ist Jugendschöffe in Neubrandenburg – seit 13 Jahren. Für eine weitere Amtsperiode steht er ...

VonHeike Sommer

Egbert Neumann kennt seine Pappenheimer. Er ist Jugendschöffe in Neubrandenburg – seit 13 Jahren. Für eine weitere Amtsperiode steht er jedoch nicht mehr zur Verfügung.

Neubrandenburg.„Bei keinem Angeklagten ist Hopfen und Malz verloren“ – davon ist Egbert Neumann zutiefst überzeugt. Mit dieser Haltung ist er bisher in jede Verhandlung als ehrenamtlicher Richter gegangen. Auf der Anklagebank sitzen ausschließlich Jugendliche zwischen
14 und 21 Jahren. Egbert Neumannist – mit einer Unterbrechung– seit 1997 Jugendschöffe. „Ich habe mich freiwillig gemeldet. Damals war ich Sozialarbeiter im Reitbahnviertel, da hatte ich auch mit Jugendlichen zu tun, die auf die schiefe Bahn geraten waren“, sagt er. Ihm war es wichtig, sie von da wegzuholen, damit sie sich ihre Zukunft nicht vollends verbauen. „Als Jugendschöffe habe ich dafür Möglichkeiten gesehen“, sagt er. Denn im Jugendstrafrecht geht es – anders als beim Erwachsenenstrafrecht – nicht darum, mit der Strafe andere abzuschrecken. Vielmehr soll der jugendliche Täter durch die Sanktionen davon abgehalten werden, erneut straffällig zu werden.
Jugendschöffen sind in ihrer Urteilskraft den Berufsrichtern gleichgestellt. „Klar, ist man bei den ersten Verhandlungen aufgeregt, traut sich kaum, Zeugen zu befragen oder das Wort an den Angeklagten zu richten. Aber man wird durch die Berufsrichter immer wieder dazu ermuntert“, sagt Neumann. Anfangs habe er die Fälle immer noch mit nach Hause genommen. „Aber das belastet einen emotional viel zu stark. Mittlerweile sind die Fälle nach dem Urteilsspruch für mich abgehakt.“
Jugendschöffen sollen möglichst unvoreingenommen in die Verhandlung gehen. „Wir kennen den Namen des Angeklagten, mehr nicht. Erst kurz vor Prozessbeginn erfahren wir, worum es geht. Wir sollen uns während der Verhandlung ein Bild machen“, sagt Neumann. Wie langwierig und zum Teil ermüdend Beweisaufnahmen sein können, hat Egbert Neumann oft erlebt. „Das hat überhaupt nichts mit den Gerichtssendungen aus dem Fernsehen zu tun.“
In den 90er-Jahren musste Egbert Neumann einmal im Monat als Jugendschöffe ins Gericht. „Das ist heute anders. Wir haben weniger Jugendliche und es gibt weniger Straftaten. In diesem Jahr muss ich zu sechs Verhandlungen“, sagt er. Die Termine werden vom Gericht ein Jahr im Voraus bekannt gegeben. „Man kann seinem Arbeitgeber rechtzeitig Bescheid geben“, sagt Neumann, der in der Bauabteilung der Stadt tätig ist.
Warum er sich aber für die kommende Schöffenwahl nicht mehr aufstellen lässt? „13 Jahre sind genug. Ich will mich auf einem anderen Gebiet beweisen, als Stadtführer.“ Dennoch möchte er jeden ermuntern, sich für das Schöffenamt zur Verfügung zu stellen. „Hier habe ich wirklich viel gelernt und bewirkt. Auch wenn ich den einen oder anderen Pappenheimer leider dann doch einmal zu oft auf der Anklagebank gesehen habe.“
Die Bewerbungsfrist für das Jugendschöffenamt läuft noch bis 31. Mai. Interessenten können sich melden, unter Tel.: 03981481173.

Kontakt zur Autorin
h.sommer@nordkurier.de