GESUNDHEITSREPORT

Angeschlagene Psyche ist häufigster Krankheitsgrund

Erkrankungen wie Angstzustände und Depressionen haben in der Viertorestadt deutlich zugenommen – und damit die Zahl der Ausfalltage. Das macht sich auch im Klinikum und bei den niedergelassenen Therapeuten bemerkbar.
Das Zentrum für Seelische Gesundheit des Bonhoeffer-Klinikums ist gut ausgelastet. Mehr Plätze für Menschen mit psychischen Krankheiten wären wünschenswert, so die Klinikleitung.
Das Zentrum für Seelische Gesundheit des Bonhoeffer-Klinikums ist gut ausgelastet. Mehr Plätze für Menschen mit psychischen Krankheiten wären wünschenswert, so die Klinikleitung. Anke Brauns
Neubrandenburg.

Sie sind gerade frisch gegründet: die dritte Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen und eine Gruppe für junge Leute mit psychischen Problemen, die vielfach schon Therapie-Erfahrungen haben, sagt Axel Schröder. Der Leiter der Selbsthilfekontaktstelle des Roten Kreuzes erlebt in seiner Arbeit den steigenden Bedarf an Betreuung und Behandlung bei Menschen, die seelisch krank sind.

Das deckt sich mit aktuellen Erkenntnissen der DAK: Der Anteil psychischer Erkrankungen am Gesamtkrankenstand ist in Neubrandenburg in diesem Jahr deutlich gestiegen. Lagen solche Beschwerden 2017 noch mit 14,2 Prozent an dritter Stelle, nehmen sie nunmehr mit 21,9 Prozent den Spitzenplatz ein, geht aus dem regionalen Gesundheitsreport der Krankenkasse hervor.

Krankschreibungen der DAK-Mitglieder ausgewertet

Die DAK sei die einzige Krankenkasse, die solche regionalen Reports erarbeitet, betont Carmen Bresny, Leiterin des Servicezentrums in Neubrandenburg. Dabei lägen nicht Hochrechnungen, sondern die Auswertung aller Krankschreibungen von DAK-Mitgliedern zugrunde.

Demzufolge sei zwar die Zahl der Ausfalltage in der Region Neubrandenburg gesunken, liege aber mit 5,6 Prozent immer noch über dem Landesdurchschnitt von 4,9 Prozent. Das sei vor allem durch einen starken Anstieg psychischer Erkrankungen bedingt. Die Ausfallzeiten zum Beispiel durch Angstzustände und Depressionen seien um 43 Prozent gestiegen.

Laut Dr. Rainer Kirchhefer, Chefarzt des Zentrums für Seelische Gesundheit am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg, gehe man heute davon aus, dass fünf bis acht Prozent der Bevölkerung an Depressionen leiden und etwa zehn Prozent an Angst-Erkrankungen. Eine bundesweite Erhebung zeige eine leichte Zunahme der psychischen Erkrankungen, vor allem von Depressionen, bestätigt er.

Psychische Erkrankungen mit Stigma behaftet

Wenn deren Anteil am etwa gleichbleibenden Krankenstand steigt, könne das zum Teil auch heißen, dass Menschen früher schon psychisch belastet waren, aber trotzdem auf Grund einer anderen Diagnose krankgeschrieben wurden. Denn psychisch krank zu sein, sei nach wie vor mit einem gewissen Stigma behaftet. Wenn mehr Menschen sich wegen ihrer seelischen Probleme in Behandlung begeben und Hilfen in Anspruch nehmen, sei das auch positiv zu sehen.

Die Zahl der Patienten in der Klinik, die 79 stationäre Plätze und 67 Tagesklinikplätze biete, habe in den vergangenen Jahren zugenommen, so der Chefarzt. Die stationäre Psychiatrie sei in den vergangenen Jahren zu mehr als 90 Prozent ausgelastet. „Wir haben eine vergleichsweise kurze Verweildauer, müssen Patienten relativ schnell entlassen oder in eine tagesklinische Behandlung verlegen, weil wir die stationären Plätze wieder brauchen“, erklärt er.

Außerdem gebe es eine Warteliste – auch für die Tageskliniken. „Mehr Plätze wären schon wünschenswert“, sagt Rainer Kirchhefer, der von Patienten häufig erfährt, dass es auch im ambulanten Bereich weiterhin Wartezeiten gebe, „mehrere Wochen, zum Teil Monate“ – obwohl sich in den vergangenen Jahren neue Therapeuten in Neubrandenburg niedergelassen hätten. Stationäre Behandlungsplätze gebe es in der Region – gemessen an der Bevölkerungszahl – weniger als in anderen Regionen des Landes.

Auslastung der Kliniken ist maßgeblich für Plätze

Ob und in welchem Umfang am Standort Neubrandenburg zusätzliche Plätze zu schaffen sind, bemesse sich aber „nicht an der Anzahl der Plätze im Verhältnis zur Bevölkerungszahl verglichen mit anderen Standorten“, sagt Gunnar Bauer, Sprecher des Gesundheitsministeriums in Schwerin, auf Nachfrage. Maßgeblich sei „die Auslastung der jeweiligen Klinik, da diese ein Indiz für den notwendigen und damit vorzuhaltenden Bedarf ist.

Der Einzugsbereich einer Klinik bemisst sich auch durch das Wahlverhalten der Patienten und kann somit landkreisübergreifend sein“, erklärt er. Die Krankenhäuser melden viermal im Jahr ihre Auslastung. Liege sie übers ganze Jahr über 90 Prozent, müsse eine Erweiterung der Kapazität geprüft werden.

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