GEWALT

Angriffe auf Rettungskräfte – Warum eskaliert es immer öfter?

Selbst an der doch eigentlich eher als ruhig geltenden Seenplatte müssen sich immer öfter Rettungskräfte Gedanken um ihre Sicherheit beim Einsatz machen. Warum das so ist, darüber macht sich ein erfahrener Rettungsassistent keine Illusionen mehr.
Rettungskräfte bei einem Einsatz auf der B 192. Immer öfter sehen sich die Retter an Einsatzorten verbal und tä
Rettungskräfte bei einem Einsatz auf der B 192. Immer öfter sehen sich die Retter an Einsatzorten verbal und tätlich bedroht. Stephan Radtke
Stephan Drews, Rettungsassistent und Mitarbeiter der Einsatzleitstelle
Stephan Drews, Rettungsassistent und Mitarbeiter der Einsatzleitstelle privat
Neubrandenburg.

Stephan Drews schämt sich selten nach einer Schicht in der Rettungsleitstelle des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte. Eigentlich eher nie. Bis vor wenigen Wochen, da schlug dem erfahrenen Ersthelfer doch das Gewissen. Denn er hatte, nach einem eingegangenen Notruf in der Leitstelle, einen Rettungswagen nach Waren geschickt. Und dort eskalierte die Situation für die Helfer vor Ort: Betrunkene griffen die Sanitäter an und verletzten eine junge Frau.

Drohungen gehören zum Tagesgeschäft

Vorwürfe wollte sich Drews nicht machen, der Notruf klang dringend. Natürlich musste da jemand hin. Aber das Warener Beispiel könne mittlerweile für viele Einsätze stehen, so der Mann aus der Rettungsleitstelle. Der wurde auch selbst schon bei Einsätzen angepöbelt, beleidigt und bedroht. Dabei, schüttelt der Friedländer mit dem Kopf, sei man doch da, um zu retten und zu helfen.

Das allerdings sah ein älterer Herr aus der Neubrandenburger Oststadt vor einigen Wochen ganz anders. Passanten hatten den Notruf gewählt, weil der offensichtlich stark betrunkene Mann wiederholt gestürzt war. „Am Einsatzort angekommen, pöbelte der Mann auf fast unbeschreibliche Weise herum und drohte, uns aufs Maul zu hauen“. Erst der eintreffenden Polizei gelang es, den Mann zu bändigen.

Die Abneigung gegen alles, was Blaulicht fährt

Längst kein Einzelfall mehr, auch nicht an der Seenplatte, weiß Drews, quasi „nebenbei“ auch stellvertretender Kreisfeuerwehrführer. Über die Ursachen dafür macht sich der Rettungssanitäter keine Illusionen: Die Abneigung gegen alles, was mit Blaulicht fährt, nehme immer mehr zu. „Die Menschen verrohen, es interessiert weniger, ob es ihren Nachbarn gut oder schlecht geht.“ Zudem sinke das Verständnis für den Einsatz von Rettungskräften und die Wut nach einem Unglücksfall richtet sich auch gegen die Ersthelfer vor Ort.

Selbst Patienten spucken Sanitäter an

Und, weil immer mehr Leute alles besser wüssten – Drews nennt die Spezies „zivile Fachberater“ – werde es bei Einsätzen an Unglücksorten immer schwieriger. „Die Leute, selbst die Patienten, spucken die Sanitäter an und mühen sich, die anzugreifen“. Oder sie versuchen, das haben Drews und Kollegen schon bei Feuerwehreinsätzen erlebt, die Kameraden zu diktieren, in welcher Reihenfolge und mit welchen Mitteln Brände gelöscht werden sollen. „Auch da sind mir schon Schläge angedroht worden.“

Keine Lust auf eine Stichschutzweste

Meist spielen Alkohol und Drogen eine unheilvolle Rolle, gerade bei Einsätzen in der Nacht oder an den Wochenenden. Man wisse bei Antritt der Fahrt nie, was passiert. Und Drews will auch nicht verhehlen, dass sich manche Kollegen schon unsicher fühlen. „Aber ich habe auch keine Lust, immer eine Stichschutzweste anzulegen, bevor der Einsatz startet“, sagt er.

Neue Gesetze haben nicht geholfen

Psychologen haben sich deshalb auch schon die Mühe gemacht, und den Rettungskräften Verhaltensregeln angedient – zu deren eigenem Schutz. Unmittelbar nach Eintreffen am Einsatzort müsse beurteilt werden, ob vom Patienten oder dessen Umfeld eine Gefährdung ausgehe. Sicherheit geht vor – auch die eigene, heißt es in der Studie. Deshalb solle man aggressiven Patienten nie allein gegenübertreten, zunächst Abstand halten, alle Gegenstände entfernen, die sich als Waffe eignen, einen Fluchtweg offen lassen und frühzeitig Ordnungskräfte hinzuziehen.

Seit gut drei Jahren werden Sicherheits- und Rettungskräfte immerhin schon durch neue Straftatbestände geschützt. Der Bundestag beschloss im April 2017 das „Gesetz zur Stärkung des Schutzes von Vollstreckungsbeamten und Rettungskräften“. Laut dem drohen bei tätlichen Angriffen bis zu fünf Jahren Haft. Geändert habe sich seitdem aber nichts, konstatiert Stephan Drews bitter.

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