In Neubrandenburg gehen unter anderem viele Patienten aus dem Umland zum Arzt, da es dort kaum fachärztliche Versorgung g
In Neubrandenburg gehen unter anderem viele Patienten aus dem Umland zum Arzt, da es dort kaum fachärztliche Versorgung gibt.(Symbolfoto) Patrick Pleul
Volle Wartezimmer in den Arztpraxen sind nicht das einzige Problem in Neubrandenburg. Denn die ärztliche Bedarfsplanung s
Volle Wartezimmer in den Arztpraxen sind nicht das einzige Problem in Neubrandenburg. Denn die ärztliche Bedarfsplanung stimmt offenbar nicht mit der Realität überein, sodass die Sorgen der Patienten und Ärzte um die medizinische Versorgung größer werden. (Symbolfoto) Patrick Pleul
Medizinische Versorgung

Ausreichend Ärzte? Genervte Patienten sehen das nicht so

Viele Neubrandenburger verzweifeln bei den Bemühungen um einen Arzttermin, gleichzeitig soll die Stadt weiter überversorgt sein. Irgendwas passt hier nicht zusammen.
Neubrandenburg

Lutz Lawrenz ist genervt und schüttelt den Kopf. Obwohl er in Neubrandenburg wohnt, muss er nach Trollenhagen fahren, um einen Termin beim Hausarzt wahrzunehmen, wie er sagt. Nicht selten müssen Neubrandenburger mehrere Wochen auf einen Arzttermin warten. Die Erklärung dafür klingt zunächst plausibel: „Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte werden seit Jahren stark beansprucht – nicht zuletzt durch die anhaltende Corona-Pandemie und die daraus resultierenden Folgen“, begründet die Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern die Situation auf Nordkurier-Anfrage.

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Überversorgung?

Doch die Gesamtheit der Ärzte in Neubrandenburg und dem Strelitzer Land gibt ein stabiles Bild ab. Sogar von Überversorgung und gesperrten Planungsbereichen für neue Ärzte ist in einer im Frühjahr beschlossenen Bedarfsplanung die Rede.

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Demnach gelten Fachbereiche wie beispielsweise der Pädiatrie und der Psychiater als gesperrte Planungsbereiche für weitere Ärzte. So sieht es auch bei den Hausärzten in Neubrandenburg aus. Offenbar sind keine weiteren notwendig. Lutz Lawrenz sieht und erlebt das jedoch ganz anders: „Die Hausärzte in Neubrandenburg kann man vergessen. Die nehmen gar keine Patienten mehr auf“, klagt der Neubrandenburger.

Mangel bei Hautärzten

Sowohl bei den Augen- sowie Hals-Nasen-Ohren(HNO)-Ärzten als auch im Bereich der Chirurgie, Orthopädie und in der Gynäkologie gilt Neubrandenburg ebenfalls als gut aufgestellt – gar zu gut. Immerhin zählen diese zu den Fachgebieten, die überversorgt sind, wie aus der Bedarfsplanung hervorgeht.

Ein wahrer Mangel herrscht dagegen auch laut Bedarfsplanung bei den Hautärzten. Nur eine Praxis hält derzeit die Stellung. Matthias Träger, Vertreter der Kreisstelle Neubrandenburg bei der Kassenärztlichen Vereinigung MV (KVMV), erklärt, dass die Stelle für eine weitere Hautarztpraxis in Neubrandenburg seit längerer Zeit ausgeschrieben ist, es bewerbe sich jedoch niemand.

Bis zu einem Jahr Wartezeit auf Behandlung

Und das ist nicht die einzige Schwachstelle in der Stadt. Neubrandenburger, die selbstständig einen Psychiater aufsuchen wollen, müssen sich nach Information des Nordkurier unter anderem bis zu einem Jahr gedulden, bis sie überhaupt aufgenommen werden und einen Therapieplatz bekommen – trotz der angeblichen Überversorgung in diesem Bereich.

Kaum angepasst

Aktuell bleibt die Crux einer offenbar realitätsfernen Bedarfsplanung, die den Neubrandenburger Patienten die medizinische Versorgung erschwert. Auch die KVMV kritisiert diese seit mehreren Jahren. „Die Bedarfsplanung ist bis heute bis auf wenige Details kaum angepasst worden. Diese 30 Jahre alten, rein statistischen Maßstäbe der Bedarfsplanung, anhand derer sich die sogenannte Über- und Unterversorgung bemisst, sind offensichtlich ungeeignet, um die tatsächlich notwendige medizinische Versorgung abzubilden“, führte die KVMV in einem Schreiben an die Enquetekommission – Beratungsgremium aus Verbänden aus der Gesundheitsversorgung und Landespolitikern – aus, das dem Nordkurier vorliegt.

Kritik wird unterstützt

Die Maßstäbe könnten nicht als Grundlage zur Ermittlung des realen medizinischen Bedarfes der Bevölkerung dienen. Der Neubrandenburger Landtagsabgeordnete Torsten Koplin (Linke) ist Mitglied der Enquete-Kommission und gibt der Kritik der KVMV vollumfänglich recht, wie er auf Nordkurier-Anfrage sagte. Das Gremium habe 21 Handlungsempfehlungen für die Verbesserung der wohnortnahen Versorgung ausgearbeitet. Die Landesregierung wolle diese nun mit einer eigens gegründeten Kommission umsetzen. „Das passiert in dieser Form das erste Mal“, hebt Koplin hervor. Die Probleme im Land seien allerdings vielfältig, es müssten mehrere Maßnahmen ineinandergreifen.

Viele gehen bald in Rente

Zur Problem-Vielfalt gehört wahrscheinlich auch, dass der Facharztüberschuss ohnehin nicht von langer Dauer sein wird. Mehr als 50 Prozent der ambulant tätigen Ärzte seien heute bereits über 55 Jahre alt – ein Großteil gehe in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand, führt die Ärztekammer MV aus. Auch die Nachwuchsgewinnung, etwa durch mehr Studienplätze in der Humanmedizin, wie es Ärztekammer und KVMV bereits forderten, gehöre im Land zu den langfristigen Herausforderungen bei einer zukunftsfähigen Ärzteversorgung. Doch bis es so weit ist, müssen die Patienten in und um Neubrandenburg vermutlich weiter lange auf ihre Arzttermine warten.

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