Sie wie in dieser Sauenanlage in Siedenbollentin sieht es nach Auskunft der Tierschutzorganisation Animal Rights Watch in fast
Sie wie in dieser Sauenanlage in Siedenbollentin sieht es nach Auskunft der Tierschutzorganisation Animal Rights Watch in fast allen Ställen in Deutschland aus. Animal Rights Watch
 Dirk Andresen, einer der führenden Köpfe der bundesweiten Bauern-Bewegung „Land schafft Verbindung“, hält Anteile an der Sauenanlage in Siedenbollentin.
Dirk Andresen, einer der führenden Köpfe der bundesweiten Bauern-Bewegung „Land schafft Verbindung“, hält Anteile an der Sauenanlage in Siedenbollentin. Animal Rights Watch
Tierschützer brachten diese Fotos an die Öffentlichkeit.
Die Tierschützer von Animal Rights Watch brachten diese Fotos an die Öffentlichkeit. Animal Rights Watch
Tierquälerei?

Bauern-Lobbyist gerät wegen Schweinehaltung unter Druck

Aus einem Sauenstall gelangten schlimme Bilder an die Öffentlichkeit. Der Amtstierarzt kündigte Konsequenzen für den Tierhalter an – kritisierte aber auch die Tierschützer.
Siedenbollentin

Promi-Bauer Dirk Andresen, einer der führenden Köpfe der bundesweiten Bauern-Bewegung „Land schafft Verbindung Deutschland“, steht in der Kritik. Die Tierschutzorganisation Animal Rights Watch (Ariwa) hat Fotos aus einer Sauenanlage in Siedenbollentin bei Altentreptow veröffentlicht, an der Andresen Anteile hält.

Zu sehen sind eine tote Sau, mehrere tote Ferkel, verletzte und kranke Tiere, Kastenstände, Beton-Spaltenböden, Entzündungen, Wunden, Kot, Nachgeburten, Blut. „Der Mann steht in der Öffentlichkeit, organisiert monatelang Traktorendemos, behauptet, Deutschlands Tierhaltung sei gut, die Politik müsse nichts ändern, und gleichzeitig herrschen in seinem Stall solche Zustände“, sagte Ariwa-Sprecherin Sandra Franz.

Andresen kandidiert für den Bundestag

Ihre Organisation habe die Fotos veröffentlicht, um zu zeigen, „wie viel Leid und Elend im System Tierhaltung stecken. Einem System, von dem die protestierenden Landwirte meinen, es sei in bester Ordnung und die Politik solle sich nicht einmischen“. Dabei will Dirk Andresen selbst in der großen Politik mitmischen. Nach Angaben des Nachrichtenportals Agrar heute will er 2021 für die CDU im Wahlkreis Flensburg-Schleswig als Direktkandidat für die Bundestagswahl antreten.

Nach Auskunft der Tierschützer spiegelt Andresens Stall den Branchendurchschnitt wider. So wie dort sehe es in fast jeder Schweineanlage in Deutschland aus. Auch in Biobetrieben ergehe es den Tieren kaum besser.

Dirk Andresen veröffentlichte zunächst eine Stellungnahme bei Facebook. „Natürlich finde ich die Bilder nicht schön. Deshalb habe ich umgehend das Veterinäramt informiert, um sicherzustellen, dass im Betrieb auch weiterhin alle tierschutzrechtlichen Vorgaben eingehalten werden“, schreibt er. Der Tod gehöre jedoch zur Natur und komme in jeder Form der Tierhaltung vor.

Verweis auf den Preisdruck des Einzelhandels

Andresen fordert „eine seriöse und lösungsorientierte gesellschaftliche Debatte über das Tierwohl und die Zukunft der deutschen Bauern“. Eine Lösung für die Schweinehaltung sei „mehr Tierwohl im Stall, eine bessere Struktur durch Bezahlung“. Leider gehe die Mehrheit der Verbraucher nicht mit. Der Preisdruck des Einzelhandels tue sein Übriges, sagte Dirk Andresen ergänzend auf Nordkurier-Anfrage.

Dabei seien „mehr Investitionen im Bereich des Tierschutzes“ dringend erforderlich. „Wir brauchen in Deutschland täglich 160.000 Schweine und endlich eine wirtschaftliche Perspektive, sonst kommen unsere Schweine irgendwann aus Rumänien, wo wir gar nichts kontrollieren können.“ Für den Stall in Siedenbollentin kündigte er sofortiges Handeln an. „Ich werde unverzüglich dafür sorgen, dass der Missbrauch des Klappmechanismus an den Kastenständen in Zukunft ausgeschlossen ist. Die kommen sofort weg, werden abgebaut.“

Haben die Vorwürfe politische Gründe?

Seine Organisation „Land schafft Verbindung Deutschland“ ließ über die Bauernzeitung Top Agrar wissen, Ariwa habe die Bilder „zum Anlass genommen, eine einzelne Person zu diskreditieren“. Das sei unseriös. Fragwürdig sei auch, warum die Bilder „kurz nach Bekanntwerden des ersten Termins der Zukunftskommission Landwirtschaft, zu der Dirk Andresen als Vertreter von ,Land schafft Verbindung Deutschland' berufen wurde, veröffentlicht wurden. Es entsteht der Verdacht, dass hier aus politischen Gründen gezielt ein Vertreter der Rechte von Bauern zum Schweigen gebracht werden soll.“

Dr. Guntram Wagner, Amtstierarzt im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, kritisierte die Haltungsbedingungen in Siedenbollentin. „Bereits vor zwei Jahren wurde mit dem Betrieb ein Konzept abgestimmt, wie unter anderem die zu engen Kastenstände durch Fress-Liegebuchten, in denen die Sauen in Gruppen gehalten werden, abgelöst werden können. Wenn jetzt, wie auf den Bildern zu sehen, wieder Sauen in den engen Kastenständen und Abferkelkörben gehalten werden, ist das ein klarer Verstoß gegen die Nutztierhaltungsverordnung und wird Konsequenzen nach sich ziehen.

Amtstierarzt übt auch Kritik an den Tierschützern

Doch auch mit den Tierschützern ging Wagner hart ins Gericht. „Es ist für uns Amtstierärzte nicht hinnehmbar, dass wir als zuständige Behörde erst zweieinhalb Monate nach Feststellung der Missstände über die Medien davon erfahren. Eine sofortige Meldung der Missstände hätte eine umgehende amtliche Kontrolle nach sich gezogen. Wenn es den Tierschützern tatsächlich um die Haltungsbedingungen der Tiere gehen würde, hätten sie umgehend das Veterinäramt aufmerksam machen müssen und nicht auf einen günstigen Zeitpunkt für die Veröffentlichung warten dürfen.“

Landes-Landwirtschaftsminister #Till Backhaus (SPD) kündigte an, dass es in den kommenden Wochen eine weitere Kontrolle des Betriebes in Siedenbollentin gibt. Er erinnerte daran, dass die entsprechende Verordnung verschärft wurde. Ab dem Jahr 2035 dürfen Sauen maximal fünf Tage in Kastenständen gehalten werden. „Das ist ein lang erkämpfter Schritt hin zu mehr Tierschutz. Dann werden wir solche Bilder hoffentlich bald nicht mehr sehen müssen.“

Doch das dauert den Tierschützern viel zu lange und reicht ihnen nicht. „Um das Leid der Tiere zu beenden, brauchen wir mehr als kleine Reformen. Ein radikaler Kurswechsel in der Agrarwirtschaft ist lange überfällig: weg von der Tierhaltung, hin zu einer pflanzenbasierten Landwirtschaft nach ökologischen Prinzipien“, sagte Sandra Franz. „So können wir eine Form der Nahrungsmittelproduktion erreichen, die sowohl den ökologischen Erfordernissen als auch unseren heutigen moralischen Werten entspricht. Und wir können damit dem verständlichen Wunsch der Landwirte nachkommen, nicht stets aufs Neue die Buhmänner der Nation zu sein, sondern die Anerkennung zu bekommen, die sie für unser aller Ernährung eigentlich verdienen.“

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