KANTINE VOR DEM AUS

Bei Gerlind gibt’s noch Schichtkohl und Jägerschnitzel

Gerlind Patzer betreibt eine kleine Kantine, die mit leckerem Essen und trotz oder wegen ihres DDR-Charmes punktet. Doch damit könnte bald Schluss sein. Aber die Chefin gibt nicht auf.
In der Kantine von Gerlind Patzer geht es familiär zu, was ihre Kunden neben dem deftigen Essen besonders schätzen.
In der Kantine von Gerlind Patzer geht es familiär zu, was ihre Kunden neben dem deftigen Essen besonders schätzen. Nach dem Wegfall eines wichtigen Kunden droht ihr aber das Aus. Mirko Hertrich
So kennen sie ihre Kunden seit über zwei Jahrzehnten.
So kennen sie ihre Kunden seit über zwei Jahrzehnten. Mirko Hertrich
Die Nordkurier-Mitarbeiter Henning Stallmeyer (v.r.) , Gerald Bahr und Tim Prahle  am Pommes-Tag in „Gerlinds Kantine&rd
Die Nordkurier-Mitarbeiter Henning Stallmeyer (v.r.) , Gerald Bahr und Tim Prahle am Pommes-Tag in „Gerlinds Kantine”. Foto: Mirko Hertrich Mirko Hertrich
In der ehemaligen Wirtschafts- und Sprachenschule R. Welling ist „Gerlinds Kantine“ sei 24 Jahren zu finden. Fotos
In der ehemaligen Wirtschafts- und Sprachenschule R. Welling ist „Gerlinds Kantine“ sei 24 Jahren zu finden. Fotos (3): Mirko Hertrich
Neubrandenburg ·

Wer den Weg in „Gerlinds Kantine“ gefunden hat, kommt meist wieder. Doch den Weg zu finden, ist gar nicht so einfach, versteckt sich das kleine Reich von Gerlind Patzer abgelegen in einem Industriegebiet im Neubrandenburger Stadtteil Monckeshof. Seit 24 Jahren serviert die ehemalige Kindergärtnerin in ihrer trotz DDR-Charme gemütlichen Kantine rustikale Kost. „Richtiges Jungs-Essen, alles selbst gemacht“, sagt die sympathische Mittfünfzigerin. „Und einen frechen Spruch gibt‘s gratis noch dazu.“

Nicht nur die Mitarbeiter der umliegenden Industriebetriebe danken es ihr mit großem Appetit und regelmäßigen Besuchen, auch Rentner schauen oft vorbei oder bekommen ein Essen geliefert, wofür es zum Dank dann bemalte Briefumschläge oder auch mal Blumen für Gerlind Patzer und ihr Team gibt. „Es geht bei uns sehr familiär zu und wir lachen viel“, erzählt die hemdsärmelige Köchin, die jeden Werktag aus einem Ort in der Nähe von Altentreptow nach Neubrandenburg pendelt. „Jeden Morgen um 4.50 Uhr geht es los.“

Die meisten Besucher nennen Gerlind Patzer einfach nur „Mutti“. „Eine Praktikantin hat mich deswegen mal gefragt, wie viele Kinder ich eigentlich habe“, lacht die Mutter eines Sohnes. Und die Jungs sind ihrer Kantinen-Mama stets brav zu Diensten, etwa bei kleinen Reparaturen. Weil sie es nicht so mit Computer und Mobiltelefon hat, haben sie ihr eine eigene Internetseite gebaut und stellen regelmäßig die Wochenkarte dort ein, auf der zu lesen steht, was es jeweils als Tagesessen gibt. Oft entscheidet Gerlind Patzer noch spontan, was zusätzlich auf die Tische ihrer Kantine im Erdgeschoss der ehemaligen Wirtschafts- und Sprachenschule „R. Welling“ kommt. Das hängt auch davon ab, was Kunden oder Kleingärtner vorbei bringen. „Wenn ich einen großen Kürbis kriege, gibt es dann Suppe.“

In der Kantine kommt nichts aus der Dose

Doch sehr zum Entsetzen ihrer „Jungs“ ist „Gerlinds Kantine“ in der wirtschaftlichen Existenz bedroht. Ein nahe gelegener Kindergarten, für den ihr Team regelmäßig 150 Essen auf den Tisch zauberte, hat sich nach Jahren einen neuen Anbieter gesucht. Ihr Speiseplan sei nicht mehr zeitgemäß, hieß es ihren Worten nach zur Begründung. Stattdessen setzt man dort jetzt auf Essen eines großen Anbieters, das angeliefert wird und nur noch gedämpft werden muss. „Zu meinen Kunden gehören aber auch viele Tagesmütter, die gerade schätzen, dass wir alles selbst machen, bei uns kommt nichts aus der Dose“, schüttelt Gerlind Patzer unverständig den Kopf.

Wegen des Wegfalls des wichtigen Kunden hat „Mutti“ erstmals laut übers Aufhören nachgedacht. Sehr zum Entsetzen ihrer Jungs und Mädels, darunter neben Menschen in der Berufsvorbereitung auch schwer erziehbare, die Gerlind Patzer in Zusammenarbeit mit Bildungsträgern bei Praktika unter ihre Fittiche nimmt. „Viele blühen in unserer familiären Atmosphäre richtig auf, einer ist statt weniger Wochen gleich ein dreiviertel Jahr geblieben.“ Andere, die trotzdem auf die schiefe Bahn geraten sind, schreiben ihr noch Briefe aus dem Kittchen.

Jetzt kämpft sie um Amazon

Der große Zusammenhalt in der kleinen Kantine ist mit ein Grund, weshalb die Kunden alles in Bewegung setzen, um einen Ersatz für den verlorenen Großkunden zu finden und ihr Refugium zu erhalten. Über den Versuch, das künftige Verteilzentrum des Online-Riesen Amazon auf dem Datzeberg als neuen Abnehmer zu gewinnen, wurde auch der Nordkurier auf die „Rettungsaktion“ aufmerksam.

„Mutti“ Gerlind würde sich sehr freuen, wenn sie ihre familiäre Kantine am Rande der Stadt noch weiterführen könnte. „Sieben Jahre muss ich noch“, scherzt sie. Zwar hat sie bereits Angebote, als Angestellte in anderen Kantinen zu arbeiten. Ein Abschied aus ihrem Küchenreich und von ihren „Jungs“ würde ihrer aber sehr schwerfallen: „Das wäre nicht mehr meins.“

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Kommentare (1)

"In der Kantine kommt nichts aus der Dose."

Nee, ausm Tetrapack, der Friteuse und dem Konvektomat.