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▶ Beim Kampf um die Frühchen-Station geht es um viel mehr

Tausende Menschen demonstrierten für den Erhalt der Neubrandenburger Frühchenstation. Für viele ist das aber erst der Anfang. Es geht um nicht weniger als die Versorgung im ländlichen Raum.
Auch einen Inkubator für Frühchen hatten die Protestierenden mitgebracht.
Auch einen Inkubator für Frühchen hatten die Protestierenden mitgebracht. Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum/Anke Brauns
Unter anderem Klinikum-Chefin Gudrun Kappich hielt eine flammende Rede gegen die aktuelle Regeleung zur Frühchen-Versorgu
Unter anderem Klinikum-Chefin Gudrun Kappich hielt eine flammende Rede gegen die aktuelle Regeleung zur Frühchen-Versorgung. Tim Prahle
Juliane Sandhop (r.) aus Jarmen hat den kleinen Luis ungeplant zu früh bekommen, war auf das Klinikum dringend angewiesen
Juliane Sandhop (r.) aus Jarmen hat den kleinen Luis ungeplant zu früh bekommen, war auf das Klinikum dringend angewiesen. Für sie keine Frage, dass sie das Klinikum beim Erhalt der Frühchen-Station mit ihren Eltern unterstützt. Tim Prahle
Hunderte Menschen verfolgten die Kundgebung auf dem Marktplatz.
Hunderte Menschen verfolgten die Kundgebung auf dem Marktplatz. Tim Prahle
Neubrandenbrg ·

Hunderte Zuhörer, Tausende Unterschriften. Bei ihrer Kundgebung zum Erhalt der Frühchen-Station in Neubrandenburg in ihrer aktuellen Ausstattung und Bedeutung erhielten die Klinik-Mitarbeiter am Wochenende jede Menge Unterstützung. 2600 Neubrandenburger gaben ihre Unterschrift, um gegen die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses und der daraus resultierenden Änderung eines Gesetzes zur Gesundheitsversorgung zu protestieren.

Nächste Station im 160 Kilometer entfernten Rostock

Denn diesen Plänen zufolge dürften sogenannte Level-1-Perinatalzentren ab 2024 nur noch dort betrieben werden, wo jährlich mindestens 25 Frühchen mit einem Gewicht von maximal 1250 Gramm versorgt werden müssen. Das Neubrandenburger Bonhoeffer-Klinikum fiele da durch. Eltern müssten dann ins etwa 160 Kilometer weit entfernte Rostock fahren.

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„Ich kann mir das gar nicht vorstellen“, sagte zum Beispiel Juliane Sandhop aus Jarmen. Vor zweieinhalb Jahren kam ihr Sohn Luis auf die Welt, früher als erwartet. Fünf Wochen lag er auf der Neubrandenburger Frühchen-Station. Kaum vorstellbar für Juliane Sandhop, dass sie stattdessen hätte nach Rostock fahren müssen. Ihr Vater Bernd Schulze aus Friedland wurde noch deutlicher: „Da war gar nichts planbar. Wenn die Leute im Klinikum nicht so kompetent gewesen wären, hätten wir womöglich unser Enkelkind verloren.“

Es geht um die medizinische Versorgung auf dem Land

Das Thema emotionalisiert, das war jedem auf dem Marktplatz anzumerken. Denn es geht gar nicht allein um die Frühchen-Station, sondern um die medizinische Versorgung im ländlichen Raum insgesamt. Niemand wisse, was auf die Frühchen-Regelung folge. Und der Standort des Klinikums werde ebenfalls geschwächt, machte Klinikum-Geschäftsführerin Gudrun Kappich deutlich. „Wir hatten für die Frühchen hier schon Standards, als es die bundesweit noch gar nicht gab“, betonte sie.

In eine mögliche Ausnahmeregelung des Landes in Absprache mit den Krankenkassen setzt sie keine Hoffnung: „Wir haben bereits schriftlich, dass die Kassen uns nicht für notwendig halten“, sagt sie. Wenn künftig Leistungen wegfallen, wirke sich das auch auf den Ärzte-Nachwuchs aus, der dann in Neubrandenburg keine vollumfängliche Ausbildung mehr erhalten könne. Und womöglich gleich wegbleibe.

Den Klinikum-Mitarbeitern, deren Personalvertretung die Kundgebung angemeldet hatte, ist es ernst, machte Renate Krajewski als Vorsitzende deutlich. Sie hätte sich noch mehr Menschen gewünscht, denn die Zukunft des Klinikums betreffe die ganze Region, weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Landesregierung fehlte beim Protest

Auch fast alle Parteien zeigte im Wahlkampf Flagge. CDU-Spitzenkandidat Michael Sack war da, ebenso Sozialexperte Torsten Koplin (Linke) und Vertreter der SPD, der Grünen und des Freien Horizonts, die AfD zeigte sich mit den größten Plakaten. Mitglieder der Landesregierung fehlten allerdings.

„Wir werden so eine Veranstaltung nach der Wahl noch mal durchführen, dann werden wir ja sehen, wer Wort hält“, sagte Renate Krajewski. Neubrandenburgs Vize-OB Peter Modemann (CDU) mahnte, dass sich das Thema nicht für Parteien-Streit eigne. „Hier muss einfach die ganze Region zusammenstehen!“, appellierte er.

Wie das geht, zeigten die Biker-Friends MV um Klaus Gryzbeck, die in voller Kutte und lautstark ihre Unterstützung zusicherten. „Ich kann einfach nicht verstehen, wieso man eine funktionierende Struktur kaputt machen will“, sagte Gryzbeck.

Eine deutliche Positionierung der Bürger sei wichtig und politische Druck sei deshalb umso wichtiger, mahnte Kappich. Sie und die Klinikum-Mitarbeier hoffen darauf, dass mindestens 5000 Unterschriften zusammenkommen.

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