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„Bildungswillen ist nicht vom Geld abhängig“

Mathe ist bei Nachhilfe ein Schwerpunkt.  FOTO: dpa

Von unserem RedaktionsmitgliedMarlis TautzDer typische Nachhilfe- Schüler ist zwischen elf und 15 Jahre alt und kommt vom Gymnasium. Die meisten von ihnen ...

Von unserem Redaktionsmitglied
Marlis Tautz

Der typische Nachhilfe- Schüler ist zwischen elf und 15 Jahre alt und kommt vom Gymnasium. Die meisten von ihnen haben Sorgen mit Mathematik.

Neubrandenburg.Bei Sabine Stielow, die Studienkreis-Nachhilfezentren in Teterow, Malchin und den Hansestädten Greifswald, Stralsund und Wismar betreibt, ist etwa die Hälfte der Mädchen und Jungen wegen Rechenproblemen angemeldet. „Mathe ist ein Hauptfach und wird schon ab Klasse 1 unterrichtet“, begründet sie. Lücken in Mathe sind schwerer zu beheben als etwa in Deutsch oder den Fremdsprachen. Der typische „Klient“ beim bundesweit tätigen Studienkreis ist zwischen elf und 15 Jahre alt (49 Prozent aller angemeldeten Mädchen und Jungen) und geht aufs Gymnasium (47 Prozent). Etwa zehn Prozent der Kinder lernen noch an Grundschulen, die übrigen überwiegend auf Regional- oder Gesamtschulen. Durchschnittlich dauert Nachhilfe 20 Monate pro Nase, „wobei kürzere Kurse wie Prüfungsvorbereitungen oder die Auffrischungswoche am Ende der Sommerferien den Schnitt drücken“.
Das Bildungs- und Teilhabepaket hat Sabine Stielow und ihren Mitarbeitern zusätzliche Arbeit gebracht. Seit Lernförderung für Kinder aus finanzschwachen Familien vom Bund finanziell unterstützt wird, hat der Zulauf bei den professionellen Nachhilfe-Instituten zugenommen. „Anfangs schleichend, doch im Vergleich von 2012 zu den ersten Monaten dieses Jahres sprunghaft“, sagt Sabine Stielow. Gerade die Kinder mit Bildungsgutscheinen zählen zu ihren motiviertesten Schülern.
Seit 1994 ist die studierte Grundschullehrerin auf dem Gebiet der Lernförderung selbstständig und im Bundesbeirat des Studienkreises aktiv. Mit Blick über die Ländergrenzen stellt sie fest, dass der Bedarf an Nachhilfe derzeit in Mecklenburg-Vorpommern besonders steigt. Nicht zuletzt eine Nebenwirkung der vielbeschworenen Lehrerknappheit. An den Schulen geht Vertretungsunterricht vor, oft zu Lasten der Förderstunden“, schätzt sie ein.
Hinzu kommt die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche immer größere Probleme zu bewältigen haben. Klugheit als aussterbende Tugend? „Die Intelligenz ist seit Sokrates-Zeiten nicht kleiner geworden, die zunehmenden Defizite sind ein gesellschaftliches Problem“, sagt Sabine Stielow. Und: „Es gibt unendlich viele Gründe dafür, dass Schüler heute schlechter lernen als früher.“ Einige zählt sie auf: Im Mathe-Unterricht beispielsweise vermisst sie systematisches Arbeiten. Überforderte Eltern können ihren Kindern weniger beistehen. Die Erwartungen an Schulabgänger sind gewachsen.
Aus Sicht der Nachhilfelehrerin wird Bildung phasenweise höher oder geringer geschätzt. „Gerade steht sie hoch im Kurs“, urteilt sie. Dass Bildungswillen nicht zuallererst vom Geld abhängt, hat die Nachhilfelehrerin schon oft beobachtet. „Bei uns gibt es etliche Eltern, denen es nicht gerade leichtfällt, ihren Kindern die Stunden zu bezahlen.“ Zudem erinnert sie sich an die Zeit nach der Wende. „Damals hatten wir in Mecklenburg-Vorpommern wohl mit Abstand am wenigsten Geld, doch kamen nie mehr Schüler zur Nachhilfe.“

Kontakt zur Autorin:m.tautz@nordkurier.de