Ermittler entdeckten während der Hausdurchsuchung nicht geringe Mengen an Dopingmitteln.
Ermittler entdeckten während der Hausdurchsuchung nicht geringe Mengen an Dopingmitteln. Andreas Gebert
Die Durchsuchung wegen Extremismusverdachts bei dem Mann hatte in Neubrandenburg und Umgebung für Aufsehen gesorgt. Bei d
Die Durchsuchung wegen Extremismusverdachts bei dem Mann hatte in Neubrandenburg und Umgebung für Aufsehen gesorgt. Bei dieser Razzia wurden letztlich die verbotenen Mittel gefunden, um die sich die Gerichtsverhandlung drehte. Felix Gadewolz
Doping-Vergehen

Bitteres Soldatenschicksal vor dem Richter verhandelt

Von den massiven Vorwürfen gegen einen Berufssoldaten sind letztlich nur wenige übrig geblieben. Beim Urteil wurde auch die Geschichte des Mannes berücksichtigt .
Neubrandenburg

Das Aufgebot war martialisch: Rund 70 Polizisten, darunter Männer eines Spezialeinsatzkommandos, durchsuchten im September 2020 Haus und Hof in einem kleinen Dorf bei Neubrandenburg. Über dem Besitzer schwebte ein knallharter Verdacht: Vorbereitung einer staatsgefährdenden Straftat.

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Das Pikante daran: Der Mann ist Berufssoldat, seit über 20 Jahren in Uniform und war an knapp einem Dutzend Auslandseinsätze der Bundeswehr beteiligt. Der MAD, der Militärische Abschirmdienst, hatte ihm zuvor eine verfestigte rechtsextremistische Gesinnung attestiert. Weil er deshalb befürchtete, bei Auslandseinsätzen künftig links liegen gelassen zu werden, soll er angedroht haben, den Kollegen vom MAD „die Köpfe abzureißen“, erfuhr der Nordkurier.

Widerspruch gegen Strafbefehl eingelegt

Die Staatsanwaltschaft Rostock hat die Ermittlungen im Dezember 2021 allerdings eingestellt. Der ganze Verdacht wegen der staatsgefährdenden Straftat hatte sich nicht bestätigt. Aber es blieb doch etwas übrig: Bei der gründlichen Hausdurchsuchung des Verdächtigen im September 2020 waren einige Amphetamine sowie eine recht große Zahl von Dopingmitteln gefunden. Etliche Ampullen mit Testosteron soll der Kampfsportler gebunkert haben. Unter Fachleuten gilt es als das „Doping der Deppen“: Zwar wachsen Muskeln dank der Einnahme des chemisch hergestellten männlichen Hormons schneller, die Nebenwirkungen können aber heftig sein.

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Die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg klagte den Soldaten wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz und das Antidopinggesetz an, ein Strafbefehl wurde ausgeschrieben, 15.000 Euro sollte der Mann zahlen. Der Soldat nahm den Kampf an und legte Widerspruch ein.

Sold gestrichen, Reisepass weg

Gestern startete die Verhandlung, der Angeklagte war allerdings nicht dabei. Muss er auch nicht bei Widersprüchen gegen einen Strafbefehl, sein Verteidiger kann ihn vertreten. Und der verlas auch sofort ein Geständnis. Alles richtig, hieß es und er bereue, sich das Zeug besorgt und gespritzt zu haben. Aber er bitte um Verständnis: Er leide, ließ der Abwesende wissen, unter einem Posttraumatischen Belastungssyndrom, mit dem Leben nach den Auslandseinsätzen komme er nicht zurecht und sei deswegen auch schon in stationärer psychiatrischer Behandlung gewesen. Fast ein Dutzend Mal musste er ins Ausland ausrücken. Sehr schlimm muss es im Jahr 2000 gewesen sein, der damals blutjunge Mann bewachte damals zum Zwecke der Beweissicherung zwei Massengräber voller toter Zivilisten im Kosovo. „Vieles, was passiert ist“, las der Verteidiger vor, „ist auf meine Krankheit zurückzuführen“.

Gebüßt hat der 41-Jährige Mann schon. Nach Disziplinarverfahren vor dem Truppengericht wurden ihm zunächst 50 Prozent des Soldes gestrichen, das zuständige Ordnungsamt seiner Gemeinde entzog ihm sogar den Reisepass. Völlig grundlos, so der Verteidiger, der deshalb schon vor das Oberverwaltungsgericht in Greifswald zog und dort einen Teilerfolg erstritt.

Mann gilt als nicht vorbestraft

Grundlos? Nordkurier-Recherchen hatten im vergangenen Jahr ergeben, dass der Angeklagte im März 2021 am Frankfurter Flughafen aufgetaucht war. Krankgeschrieben und von der Bundeswehr suspendiert, wollte er wohl ins libanesische Beirut fliegen, angeblich als Personenschützer. Im Gepäck befanden sich unter anderem zwei Pistolenholster, drei Magazintaschen und mehrere Abzeichen der Sicherheitsfirma „Asgaard“. Für Bundeswehr-Angehörige besteht dort ein Beschäftigungsverbot. All diese Hintergründe erreichten auch das zuständige Amt. Und das verhängte gegen den Soldaten eine Passsperre, um mögliche weitere Ausreisen zu verhindern.

Der Staatsanwalt plädierte in seinem Schlussvortrag, den Angeklagten wegen Dopings und Drogenbesitzes zu 130 Tagessätzen zu verurteilen, ein Tagessatz wurde dabei mit 60 Euro angesetzt, alles zusammen 7800 Euro. Der Rechtsanwalt bat darum, gnädig zu sein und wurde pathetisch, schließlich habe sein Mandat ja „zum Schutze der Heimat knietief im Blut waten“ müssen. Richterin Iris Hagedorn verurteilte den Soldaten schließlich zu 90 Tagessätzen, also 5400 Euro Strafgeld. 90 Tagessätze sind eine wichtige Grenze im Rechtswesen – mit diesem Urteil gilt der Mann weiterhin als nicht vorbestraft.

 

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