NS-Verstrickungen

Blut-und-Boden-Autor wandert ins Neubrandenburger Archiv

Der Heimatautor Friedrich Griese ist als hofierter Nutznießer des NS-Regimes immer noch umstritten. 60 seiner Werke nimmt Neubrandenburg dennoch als Spende entgegen.
Friedrich Giese und sein Werk sind heute in Vergessenheit geraten. Dennoch wurde in Lehsten eine Straße nach ihm benannt
Friedrich Giese und sein Werk sind heute in Vergessenheit geraten. Dennoch wurde in Lehsten eine Straße nach ihm benannt. NK-Archiv
Nahe dem Dorf Lehsten gibt es auch einen Friedrich-Griese-Gedenkstein.
Nahe dem Dorf Lehsten gibt es auch einen Friedrich-Griese-Gedenkstein. NK-Archiv
Neubrandenburg

Die Neubrandenburger Stadtvertretung hat der Annahme einer Spende über 60 seltene und besondere Werke mecklenburgischer Heimatliteratur des kontrovers diskutierten Autors Friedrich Griese zugestimmt. Die Stadtvertreter votierten mit großer Mehrheit bei gerade mal vier Gegenstimmen durch die Grünen-Fraktion und einer Enthaltung durch die SPD für die Annahme einer Spende aus einem Nachlass. Wegen der Zuordnung der Werke des mecklenburgischen Autors zur Blut- und-Boden-Literatur und dessen hohen Auszeichnungen in der NS-Zeit hatten die Ratsleute die Abstimmung einmal verschoben und von der Regionalbibliothek als Empfängerin der Spende eine konkretere Stellungnahme eingefordert.

Der am 2. Oktober 1890 in Lehsten geboren Friedrich Griese zählte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeitweise zu den bedeutendsten Autoren Mecklenburger Heimatliteratur. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann sein Aufstieg. Das NS-Regime zeichnete den Künstler mehrfach aus. 1940 verlieh Adolf Hitler ihm zu dessen 50. Geburtstag die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft. Nach dem Krieg war der Autor 1945/46 im Zuchthaus Alt Strelitz und im „Speziallager Nr. 9“ in Fünfeichen inhaftiert. Mithilfe prominenter Autoren und sowjetischer Kulturoffiziere wurde er entlassen und ging nach Niedersachsen. Von 1960 bis 1963 war er erster Präsident der Fritz-Reuter-Gesellschaft. In seinem autobiografischen Roman „Der Wind weht nicht, wohin er will“ übte er öffentlich Selbstkritik, da er sich nicht entschieden vom Nationalsozialismus distanziert habe. Er starb am 1. Juni 1975 in Lübeck.

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Sammlung künftig recherchierbar

Die Regionalbibliothek begründete den Wunsch nach Annahme der Spende damit, dass Friedrich Griese nicht nur als Heimatdichter einen wichtigen Beitrag zur Literaturgeschichte in der Region geliefert habe, sondern auch durch seinen Bezug zum Internierungslager Fünfeichen. Die 60-bändige Sammlung, welche der Förderverein der Regionalbibliothek an die Bibliothek übergeben wolle, umfasse seltene und besondere Werke mecklenburgischer Heimatliteratur, darunter Belletristik, Beiträge, Lyrik und Dramen.

Die Sammlung soll vollständig in den Sammlungsbestand aufgenommen und recherchierbar gemacht werden. Seine Werke sollten zu wissenschaftlichen Zwecken, beispielsweise der Heimatforschung, Forschung zum Nationalsozialismus, aber auch zur kulturhistorischen und politischen Bildung „sensibel zugänglich“ gemacht werden, hieß es. Was die Stadtvertreter trotz einiger Bauchschmerzen auch überzeugte, war die Tatsache, dass im Bestand der Regionalbibliothek Neubrandenburg bereits Werke von und über Friedrich Griese zu finden sind.

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Kommentare (4)

Sie sind doch sonst so darauf bedacht, dass wir nur die "Schlechtigkeiten" unserer Geschichte frönen!

Wartet alle mal ab, es wird unglaubliches geschehen ...

In Alt Rehse ist vom ehemaligem Wachhäuschen auch die Inschrift " Meine Ehre heißt Treue "
übergenagelt worden...
Ob das wohl laut Denkmalschutz zulässig ist, wage ich zu bezweifeln...

Meine Herren, Sie haben Gedankengänge.
MfG Lotto