Aus dem Gerichtssaal

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Blutiger Rachefeldzug gegen mutmaßlichen Sittenstrolch

Erst schlagen, dann reden. Vor dem Amtsgericht mussten sich gestern vier Männer wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.
Erst schlagen, dann reden. Vor dem Amtsgericht mussten sich gestern vier Männer wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.
Benny1887 - Fotolia.com

Vier junge Leute müssen sich dafür verantworten, das Gesetz in die eigenen Hände genommen zu haben. Dabei ist Selbstjustiz immer die schlechteste aller Möglichkeiten – erst recht, wenn das Opfer alt und schwach ist.

Der ältere Herr schlurft in den Gerichtssaal, zieht das linke Bein nach und lässt seinen Stoffbeutel keine Sekunde aus den Händen. Auch nicht, als er endlich auf dem Zeugenstuhl Platz nimmt. Der Mann braucht etwas, woran er sich festhalten kann. Richter Jörg Landes und der Mann kennen sich, die schmächtige Person saß schon als Angeklagter vor Gericht. Wegen Sachen, die kein Erwachsener mit Minderjährigen tun darf. Schmuddlig alles.

Am Mittwoch aber kommt der Mann als Zeuge, um auszusagen, was ihm zu Beginn des Jahres in seiner Wohnung in einem Wohngebiet am Rand Neubrandenburgs widerfahren ist. Vier junge Männer, so die Anklage, stürmten in sein Wohnzimmer und schlugen ihn zusammen – mit Faustschlägen und Fußtritten. Die blutigen Folgen: eine gebrochene Nase, eine aufgerissene Oberlippe und zahlreichen Schwellungen im Gesicht und an den Augen. Warum sie das getan haben, wusste der Mann vor Gericht nicht zu sagen. „Ich kannte keinen von denen“, berichtet er. Mehr nicht. Der Zeuge nimmt sich zu Herzen, was ihm Richter Landes an selbiges legt: Er muss nichts sagen, was ihn selbst
belasten könnte. Vielleicht weiß er doch, warum die anderen damals meinten,
ihn zusammenschlagen zu können.

Die waren jedenfalls der felsenfesten Überzeugung, alles Recht der Welt zu besitzen, als sie den Gang zur Wohnung des Opfers planten. Der soll nämlich, so geisterte durch das Viertel, Schuld
daran tragen, dass sich Wochen vorher ein junger Mann in dem Kiez das Leben genommen hatte. Zuvor jedenfalls soll der mit dem älteren Herrn sexuell zusammen gewesen sein. Ob das stimmt, weiß keiner im Gerichtssaal. Genauso wenig, ob der Suizid wirklich damit in kausaler Beziehung stand. Eine tragische Angelegenheit, gar kein Zweifel.

Jedenfalls wollten sie es dem Mann zeigen, einer der Angeklagten sagte, der Tote sei damals für ihn fast so etwas wie ein kleiner Bruder gewesen. Gerade ihm aber wirft die Staatsanwaltschaft noch zwei andere Körperverletzungen vor. Er soll auch einen 50-jährigen geistig Behinderten und einen angetrunkenen Mann auf einer Bank geschlagen haben. Deshalb fällt das Urteil gegen ihn und einen einige Jahre älteren Angeklagten härter aus. Beide verurteilt das Gericht am Mittwochnachmittag wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung zu Freiheitsstrafen, bei dem Jüngeren wird die zur Bewährung ausgesetzt. Beiden droht möglicherweise noch viel mehr, vor dem Landgericht müssen die sich noch wegen schweren Raubes verantworten. Ihre beiden Bekannten, die kaum vorbestraft sind oder bei der Prügelorgie nur zugesehen haben, kommen mit Verwarnungen und der Pflicht zur Teilnahme an einem Antiaggressionstraining davon.

Der schlurfende ältere Herr bekommt davon schon nichts mehr mit. Nach seiner Zeugenaussage hat er das Gericht verlassen.