Politik und Wirtschaft

Böllerverbot an Silvester sorgt für Unverständnis in der Region

Um Menschenan-sammlungen zu vermeiden und die Notaufnahmen der Kliniken zu entlasten, haben sich Bund und Länder erneut auf ein Verkaufsverbot von Pyrotechnik verständigt. Gerade die Händler können diese Entscheidung nicht nachvollziehen.
Das zweite Jahr infolge darf der Inhaber der Profi-Baumärkte in Altentreptow und Friedland, Peer Utech keine Pyrotechnik
Das zweite Jahr infolge darf der Inhaber der Profi-Baumärkte in Altentreptow und Friedland, Peer Utech keine Pyrotechnik verkaufen. Er rechnet mit Umsatzverlusten im fünfstelligen Bereich. Martina Schwenk
Solche farbenprächtigen Bilder am Himmel wird es in der Altentreptower Silvesternacht vermutlich nicht geben. Foto: Matth
Solche farbenprächtigen Bilder am Himmel wird es in der Altentreptower Silvesternacht vermutlich nicht geben. Foto: Matthias Kruse Matthias Kruse
Altentreptow

Silvester und Feuerwerk gehören für viele Menschen zusammen wie Heiligabend und Christbaum. Mit den verschärften Corona-Beschlüssen ist der Wunschtraum, nach einem Jahr Pause wieder einen farbenprächtig erleuchteten Neujahrshimmel bestaunen zu können, allerdings endgültig geplatzt. Denn die Regierung hat den Verkauf von Pyrotechnik zum zweiten Mal in Folge untersagt. Dieser Schritt sei notwendig, um das dramatische Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen und die am Limit arbeitenden Ärzte in den Krankenhäusern nicht durch zusätzliche Verletzte zu belasten, so die Begründung in dem Beschlusspapier von Bund und Ländern.

Eine Entscheidung, die vermutlich das Ende zahlreicher Großhändler besiegeln wird und eine ganze Branche in den Ruin treibt, wie Peer Utech gegenüber dem Nordkurier deutlich macht. „Bei vielen Unternehmen ist die bereits 2020 vom Staat zugesicherte finanzielle Unterstützung noch nicht einmal angekommen. Außerdem fehlt ihnen mittlerweile die personelle Basis. Etliche Mitarbeiter, die in Anbetracht voller Lager in Kurzarbeit geschickt wurden, sind in andere Berufe gewechselt und die Chance, neue Fachkräfte zu gewinnen, geht angesichts der unsicheren Zukunft gen Null“, meint der Inhaber der Profi-Baumärkte in Altentreptow und Friedland.

In diesem Jahr bleiben die Regale leer

Der Verkaufsstart von Silvesterfeuerwerk war bei ihm vor der Pandemie immer dick im Kalender angestrichen. Durch sein traditionelles „Weihnachtsspektakel“, bei dem in beiden Städten jedes Jahr die neuesten Highlights auf dem Pyro-Markt vorgestellt wurden, konnte sich der Baumarkt-Chef mit der Zeit eine große Stammkundschaft aufbauen. „Ich hatte sogar Mehrschuss-Batterien mit mehreren Minuten Brenndauer für über 250 Euro im Sortiment. Die Leute waren durchaus bereit, auch mal tiefer in die Tasche zu greifen, weil sie wussten, dass sie bei mir mehr und schönere Effekte für ihr Geld bekommen, als beim Discounter um die Ecke“, sagt Utech.

Doch in diesem Jahr bleiben die Regale leer. Da es sich bei Raketen, Böllern und Co. um Kommissionsware handelt, werden die aufgrund der jüngsten Beschlüsse erst gar nicht geliefert. „Sonst wäre es damit in dieser Woche losgegangen. Trotzdem bricht mir zum Jahresende ein Umsatz weg, der im fünfstelligen Bereich gelegen hätte. Das ist natürlich ärgerlich“, kritisiert Utech, der die Argumentation für das verhängte Verkaufsverbot nicht nachvollziehen kann. Seiner Ansicht nach müsse dieses Thema differenzierter betrachtet werden. Das Risiko, sich mit Corona anzustecken, sei nicht überall gleich. Es mache definitiv einen Unterschied, ob eine größere Personengruppe in einer Großstadt wild durch die Gegend böllert oder ein Familienvater auf dem Dorf für seine Kinder im Vorgarten ein paar Raketen in den Himmel steigen lässt. „Dabei wird sich bestimmt niemand infizieren.“

„Politik soll Auge auf illegale Importe haben“

Außerdem sei in der Regel nicht etwa legales Silvesterfeuerwerk schuld an mehr Patienten in den Notaufnahmen, sondern zu viel Alkohol und nicht zugelassene Artikel. „Es wird immer irgendwelche Chaoten geben, die sich verbotene Pyrotechnik aus dem Nachbarland und über das Darknet besorgen. Oder sie basteln sich ihre Knaller selbst zusammen. Diejenigen landen dann am Ende auch oft mit schweren Verletzungen im Krankenhaus“, stellte der Baumarkt-Inhaber klar.

Die Politik sollte daher lieber ein wachsames Auge auf diese illegalen Importe und kriminellen Banden werfen, statt den Händlern das Geschäft kaputt zu machen. „Ich bin mal gespannt, ob und wie es 2022 mit dem Feuerwerksverkauf weitergehen kann. Wenn die meisten Großhändler aufgeben müssen, sieht es wohl eher schlecht aus“, schätzt Utech.

Ein Kommentar von Tobias Holtz: "Einer ganzen Branche droht das Aus"
Ob die Entscheidung von Bund und Ländern nun wirklich dazu beiträgt, die überlasteten Krankenhäuser in der Neujahrsnacht zu entlasten, sei mal dahingestellt. Fakt ist: Das erneute Verkaufsverbot kommt einem Todesstoß für die gesamte Branche gleich. Die pyrotechnische Industrie erwirtschaftet allein an den drei Verkaufstagen vor Silvester über 90 Prozent ihres Jahresumsatzes. Unternehmen haben die berechtigte Sorge, bei den angekündigten Überbrückungshilfen wie im vergangenen Jahr, leer auszugehen. Ohne gesonderte Unterstützung ist die Insolvenz des gesamten Wirtschaftszweiges bereits jetzt vorprogrammiert. Dadurch, dass keine Böller, Raketen und Co. über den Ladentisch gehen dürfen, wird es zum Jahreswechsel vielleicht weniger Müll, weniger Verletzte und weniger Lärm zum Wohle unser vierbeinigen Freunde geben, was alles gut und richtig ist. Auf der anderen Seite müssen aber auch Tausende Menschen um ihre Arbeitsplätze bangen. Das sollte bei der ganzen Debatte nicht vergessen werden.
 

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