Für Tobias Schwarze (2. von links), Lebensgefährtin Rebekka Vogel sowie seine Söhne Dennis (links) und Tom bede
Für Tobias Schwarze (2. von links), Lebensgefährtin Rebekka Vogel sowie seine Söhne Dennis (links) und Tom bedeutet das Weberglockenmarkt-Aus nach eigenem Bekunden einen „wirtschaftlichen Totalschaden“. Paulina Jasmer
Tonnenweise Brötchen wurden weggeworfen.
Tonnenweise Brötchen wurden weggeworfen. Tim Prahle
Familie Backhaus gehörte nach Jahrzehnten auf dem Weberglockenmarkt schon zum Inventar.
Familie Backhaus gehörte nach Jahrzehnten auf dem Weberglockenmarkt schon zum Inventar. Tim Prahle
Die Leute vom Riesenrad verloren keine Zeit: Sie begonnen kurzerhand mit dem Abbau.
Die Leute vom Riesenrad verloren keine Zeit: Sie begonnen kurzerhand mit dem Abbau. Paulina Jasmer
Trostlos und trist – einen Tag nach der Eröffnung war der Weberglockenmarkt 2021 Geschichte.
Trostlos und trist – einen Tag nach der Eröffnung war der Weberglockenmarkt 2021 Geschichte. Paulina Jasmer
In Neubrandenburg

▶ Buden zu, alles dicht – Trauer bei Schaustellern nach Aus für Weberglockenmarkt

Die Entscheidung, den Weihnachtsmarkt in der Seenplatten-Kreisstadt zu schließen, hat die Schausteller vielleicht nicht ganz unvorbereitet getroffen.
Neubrandenburg

Als die Absage kam, wurden ihre Augen feucht: Heike Backhaus-Wienke aus Demmin musste sich abwenden. Sie zog die Strickjacke enger um den Körper und wischte sich die Tränen weg. Ihr Mann Günter sollte und wollte in diesem Jahr zum 40. Mal auf dem Neubrandenburger Weberglockenmarkt Glühwein, Kakao und anderes verkaufen. Seit 30 Jahren steht sie ihm da zur Seite. „Ich wusste schon in der ersten Klasse, dass ich auf dem Rummel arbeiten wollte“, sagte die gebürtige Neubrandenburgerin. Dort habe sie auch ihren Günter kennen und lieben gelernt. Die Schausteller-Welt, das ist ihr Leben.

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Das hat mindestens in dieser Weihnachtssaison ein jähes Ende gefunden. Nach stundenlangem Bangen und Warten auf dem Neubrandenburger Boulevard war am Donnerstagnachmittag das offizielle Aus für den Weberglockenmarkt 2021 besiegelt. Während die Schausteller in diesen schweren Stunden vorm „Glockenturm“ von Tobias Schwarze aus Meerane bei Zwickau zusammenrückten, wurde im HKB die schwerwiegende Entscheidung bekannt gegeben: Wegen steigender Inzidenzen und einem Hygienekonzept mit 2G-Plus-Regelung und Vier-Quadratmeter-Forderung pro Besucher, das auf Boulevard und Markplatz für nicht realistisch umsetzbar befunden wurde, durfte der Weberglockenmarkt bereits am zweiten Tag gar nicht mehr öffnen.

Lager noch mal gut gefüllt

Die Händler um und bei Tobias Schwarze hofften noch bis 14 Uhr auf ein Happy End. Sie hatten größtenteils ihre Lager noch mal gut gefüllt – angesichts eines bevorstehenden Wochenendes samt Adventshopping. Große Kühlanhänger gefüllt bis unters Dach mit Bratwurst, Fleischspießen und Nackensteak. In weiteren Lagern stapelten sich kistenweise Pilze, Weintrauben, Erdbeeren. Mutzen und Mandeln, Lángos und Lebkuchen lagen bereit. Literweise Glühwein wartete auf freudige Weihnachtsmarktbesucher. Neben einer Bude standen drei Mülltonnen randvoll mit Brötchen. Alles futsch.

Wohin mit den Vorräten?

„Der Glühwein hält sich vielleicht noch bis nächstes Jahr. Aber was ist mit dem Kakao und all der Sahne?“, fragte Heike Backhaus-Wienke. Es bliebe es nur, bei Kindergärten nachzufragen, ob die etwas abnehmen wollen. Tobias Schwarze, der mit seiner ganzen Familie und rund zehn Angestellten drei Buden – sonst sind es sechs – betreute, wollte Supermärkte bitten, ob er vor deren Eingängen seine Waren mit einem Stand anbieten dürfe.

Als „eine Katastrophe“ bezeichnete er die Absage des Weberglockenmarktes, dem er als Schausteller seit gut25 Jahren treu verbunden ist. Dieses Jahr sei für ihn nun „ein wirtschaftlicher Totalschaden“. Allein für die Vorbereitungen sei er achtmal zwischen Neubrandenburg und Zwickau gependelt – und das bei diesen Spritpreisen.

„Das geht an die Nerven”

Aber eine gewisse Erleichterung über diese Entscheidung war ihm anzumerken. Gern hätten er und viele andere Schausteller es gehabt, wenn schon viel früher abgesagt worden wäre. Immerhin seien nun die Tage des Zitterns vorbei. „Das geht an die Nerven“, gab er. Oftmals hätte sich die Familie nachts auf dem Balkon getroffen, weil sie vor Ungewissheit nicht in den Schlaf gefunden habe. „Wir hätten an den Ständen 2G-Plus gar nicht gewährleisten können“, ordnete er realistisch ein. Die Schausteller wären in die Pflicht geraten, Menschen ohne Bändchen an der Theke abzuwimmeln. Der Frust der Leute hätte sich auf die Händler übertragen, spekulierte er. Als jedoch klar war, dass der Weberglockenmarkt 2021 nach nur einem Tag Geschichte ist, wurde es doch ganz still am Glockenturm. Den hat Tobias Schwarze erst vor knapp zwei Jahren übernommen, 2020 konnte er ihn nicht einweihen, am Mittwoch dann zum ersten und am Ende einzigen Mal.

„Alles Scheiße“ heißt es von den Schaustellern

Als die Nachricht von der Schließung die Runde machte, öffnete der „Glockenturm“ zur Hälfte ein Fenster. Für die versammelten Schausteller gab es Glühwein, Punsch, Tee. Münzen klimperten. Die Händler warfen Geld ins Innere des Glockenturms und weihten so traditionsgemäß das Geschäft mit sogenanntem „Masselgeld“ ein. Am Tag davor war wegen des Besucheransturms keine Chance dafür. „Das Geld bleibt auch auf dem Boden liegen“, erklärte Familie Schwarze, die die Musik in dieser schweren Stunde an machte. „Amazing Grace“ (dt. erstaunliche Gnade) – ein geistliches Lied – drang aus dem Glockenturm für ein paar Minuten in der Turmstraße.

Die Leute vom Riesenrad indes kletterten schon kurz nach Bekanntgabe der Absage in die Höhe, ließen Weihnachtsgirlanden fallen und schraubten Lichter ab. Sie zuckten die Schultern ob der Nachrichten. „Alles Scheiße“, sagte ihr Chef. „Bis Freitagabend sind wir weg.“ So wie die meisten anderen Schausteller auch.

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