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Buttriger Angriff auf die Geschmacksnerven

Wenn es keine Tradition gibt, begründet man eben eine.  „Gerlingkoken“ heißen die Plätzchen, mit denen zunächst die Kinder auf dem Weberglockenmarkt begeistert werden sollen.

Jetzt geht's ab in den Ofen: Holger Gniffke (l.), Katrin Thielsch und Holger Benz präsentieren die Gerlingskoken auf dem Blech.
A. Brauns Jetzt geht's ab in den Ofen: Holger Gniffke (l.), Katrin Thielsch und Holger Benz präsentieren die Gerlingskoken auf dem Blech.

 „Hm, schön buttrig“, schwärmt Katrin Thielsch von der kleinen Kostprobe. Kein Wunder, sie hat ja auch gerade ein ganzes Stück Butter im Teig verknetet. Er sieht grau aus, erinnert ein bisschen an manche Leberwurstsorten. Aus dem Teig leuchten dunkelrote Punkte. Auch die lässt sich Katrin Thielsch auf der Zunge zergehen. „Ich mag Cranberries eigentlich gar nicht, aber hier drin schmecken sie total gut“, findet die Lebensmitteltechnologin.

Ihr Chef im Zentrum für Lebensmitteltechnologie (ZLT), Holger Gniffke, kann da nur zustimmen. Ihm gefalle auch die Kombination aus Anis und kräftigem Roggengeschmack – das Vollkornmehl gibt dem Teig die dunkle Farbe. Logisch, dass es ihm schmeckt, das Rezept für die „Gerlingkoken“ hat er selbst ausgetüftelt.

Das Veranstaltungszentrum als Organisator klopfte vor einiger Zeit beim ZLT an. Ob man dort nicht eine Idee für eine Aktion mit Kindern auf dem Weberglockenmarkt habe. Für den „Gerlingkoken“ überlegte sich Holger Gniffke, was um 1850 an Zutaten üblich und fürs normale Volk käuflich war. „Es wurde relativ viel Roggen angebaut, Dinkel war auch verhältnismäßig populär. Getrocknete und eingelegte Früchte – wie Moosbeeren – gab es ebenfalls“, zählt er auf. Die ZLT-Leute experimentierten eine Weile, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden waren.

Trotz des relativ hohen Vollkornmehl-Anteils sind sie sicher, dass die „Gerlingkoken“ auch den Kindern schmecken. „Wenn sie selbst was machen, ist alles lecker. Wir haben mit Achtklässlern mal Wrukeneintopf gekocht, den sie sonst freiwillig wohl nicht essen würden. Aber von dem blieb nichts übrig“, erzählt Gniffke.

Ihren Namen haben die Küchlein vom Wollweber Matthias Gerling bekommen, einer historischen Stadtfigur. Die Geschichte seiner Wanderung von Malchow, bei der er sich im Schneesturm verirrte und nur dank der Glocken der Marienkirche nach Hause fand, hat das ZLT ein wenig mit den Plätzchen angereichert. Wenn man eine Tradition erfinden kann, ist es sicher auch statthaft, die passende Geschichte dazu zu erfinden. Jetzt hofft man beim ZLT, „dass sich die Stadt der Sache annimmt, Rezept und Namen schützen lässt und es den Bäckern kostenlos zur Verfügung stellt. Wäre doch schön, wenn die hiesigen Bäcker Gerlingkoken anbieten würden“, meint Holger Gniffke.