MYSTERIÖSE KRANKHEITSFÄLLE

Das Feuerwehr-Drama erreicht die Landespolitik

Angesicht der alarmierenden Krankheits- und Todesfälle in Neubrandenburg will CDU-Mann Vincent Kokert nicht untätig bleiben.
Susanne Schulz Susanne Schulz
Der Großbrand gleich zweier Firmengelände im Sommer 2016 im Gewerbegebiet Trollenhagen zeugt bis heute von gestiege
Der Großbrand gleich zweier Firmengelände im Sommer 2016 im Gewerbegebiet Trollenhagen zeugt bis heute von gestiegenen Gefährdungen für die Einsatzkräfte. Archiv
Feuerwehr-Einsatzleiter Lars Granzin zeigt CDU-Landtagspolitiker Vincent Kokert und Vize-OB Peter Modemann (von links) die gew
Feuerwehr-Einsatzleiter Lars Granzin zeigt CDU-Landtagspolitiker Vincent Kokert und Vize-OB Peter Modemann (von links) die gewaltigen Maschinen, in denen Einsatzkleidung gereinigt und wieder imprägniert wird. Susanne Schulz
Altentreptow/Neubrandenburg.

Die dramatischen Nachrichten über gehäufte Krebserkrankungen bei der Neubrandenburger Berufsfeuerwehr rufen auch Landespolitiker auf den Plan. „Angesichts so besorgniserregender Zahlen kann man nicht untätig bleiben“, kommentierte der CDU-Landesvorsitzende und Landtagsabgeordnete Vincent Kokert die jüngsten Berichte über neun an Krebs verstorbene Feuerwehrleute seit 2003. Bei einem kurzfristig anberaumten Besuch in Neubrandenburg informierte Kokert sich am Freitagnachmittag über Ausrüstung und Gepflogenheiten nach Einsätzen mit hoher Gefährdung und über die Wünsche der Stadt an die Landespolitik.

„Ausbildung, Aufklärung, Ausrüstung“, nannte Einsatzleiter Lars Granzin, stellvertretender Chef der Berufsfeuerwehr, als Grundpfeiler der Vorsorge. Bei der Ausbildung an der Landesfeuerwehrschule blieben durchaus Wünsche offen; in Sachen Aufklärung habe sich in den vergangenen Jahren viel getan; in die Ausrüstung will die Stadt Neubrandenburg im nächsten Jahr rund 200 000 Euro und damit doppelt so viel wie bisher investieren.

„Feuerwehrkrebs“ als Berufskrankheit?

Unverständlich bleibt den Rettern jedoch, dass „Feuerwehrkrebs“ – gemeint sind Lungen-, Lymphdrüsen- und urologisch-genitale Krebsarten, von denen Einsatzkräfte überproportional betroffen sind – im Unterschied zu anderen Ländern in Deutschland nicht als Berufskrankheit anerkannt ist. „Autoabgase, Rauchen, Grillkohle – all das ist anerkannt krebserregend. Aber die Stoffe, denen Feuerwehrleute regelmäßig ausgesetzt sind, immer noch nicht“, sagte Granzin. Der Status als Berufskrankheit könnte immerhin den Familien eine gewisse Absicherung gewährleisten.

Es fehle in Deutschland an belastbaren Zahlen, stellte Kokert bedauernd fest. Immerhin werde – auch unter Mitwirkung der Neubrandenburger Feuerwehr – an Studien gearbeitet. Die internationalen Daten wiederum seien durchaus auch im Schweriner Innenministerium bekannt, weiß der Landespolitiker, der in seinem Heimatort selbst der Feuerwehr angehört. Angesichts der Neubrandenburger Krankheits- und Todesfälle müsse sich das Land der Diskussion stellen: Den Rettungskräften gebühre „das Beste, was für Geld zu haben ist“.

Man müsse notfalls bis zum Bundesrat ziehen

Mit der Brandschutzbedarfsplanung sieht Kokert eine Chance eröffnet, dringende Erfordernisse in den Wehren zu erkunden und möglichst zu beheben. Fördermöglichkeiten beträfen in erster Linie freiwillige Feuerwehren; bei den sechs Berufswehren seien die Kommunen als direkte Dienstherren in der Pflicht.

Da hätten sich in Neubrandenburg die Spar-Auflagen des Haushaltssicherungskonzepts als nicht hilfreich erwiesen, sagte Oberbürgermeister Silvio Witt. Jetzt gegenzusteuern, sei angesichts des nachgewiesenen Bedarfs der richtige Weg. Mit dem höheren Etat für 2020 werde ein Sprung vollzogen, gegen dessen Verstetigung es wohl kaum Einwände geben könne. Übrigens komme die Summe der Ausrüstung sowohl für die Berufs- wie auch für die freiwillige Feuerwehr zugute.

„Vernünftige Ausrüstung ist ein Teil der Motivation“, weiß Kokert. Sein Besuch solle den Neubrandenburgern das Signal geben, dass sie nicht allein stehen. An den hiesigen Zahlen werde deutlich, was andernorts bislang „vom Hörensagen“ im Raum stehe und nun, da die Neubrandenburger Dramatik öffentlich wird, ebenfalls aufgegriffen werde. Er könne sich vorstellen, das Thema in den Landtag zu bringen, um das öffentliche Bewusstsein zu stärken. Das Engagement für eine Anerkennung einschlägiger Krebsarten als Berufskrankheiten müsse gegebenenfalls sogar bis in den Bundesrat getragen werden, so Kokert.

Neubrandenburg hat eine von sechs Berufsfeuerwehren in Mecklenburg-Vorpommern. Von deren 81 Einsatzkräften sind etwa die Hälfte zusätzlich in den freiwilligen Feuerwehren der Umlandgemeinden engagiert.

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